Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1912)
- Article
- Reichtum und Geisteskraft im deutschen Judentum
- Date
- 1912-07-01
- Page
- 320 (sequence 4)
- Language
- German
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320 Im deutschen Reich. zent zwei Fünftel der Gesamtsumme zahlen, und daß man aus kleineren Städten noch markantere Beispiele aufführen könnte. Die von den Negierungen durch Zurücksetzungen stark begünstigte ungesunde BerufsverLeilung hat die Juden in die gewinnbringenden Erwerbsbahnen des Kaufmanns und des freien Akademikers hineingedrängt, und so ist eine hohe Lebenslage*) entstanden, die auch äußerlich in den von jüdischer Seite gepflegten Interessen erkannt werden kann. Wenn auch unbestrittenermaßen Neigung und Anlage eine große Nolle spielen, so ist es doch klar, daß heute die äußere Betätigung der Vorliebe für Kunst, Musik und Theater leider nur dem wirtschaftlich Starken in ausgedehnterem Maße möglich ist. Auch die jüdische Wohltätigkeit, bei der natürlich die religiösen Gründe und der jüdische Charakter durchaus nicht unterschätzt werden sollen, beweist schon durch die Fülle und Größe der Aufgaben, an die sie herangeht, daß das deutsche Judentum die Mittel dazu besitzt. Neben diesen günstigen Zeichen wirtschaftlicher Höhe stehen auch ihre ständigen, bedauerlichen Folgen. Vor allem ist der Rückgang der Geburtenziffern, von dem die Iudenmassen des Ostens noch nichts wissen, in Deutschland zu einem derartig bedrohlichen Rebelstande geworden, daß man nicht mit Anrecht daraus bedenkliche Folgen befürchten kann. Da nun gute wirtschaftliche Verhältnisse für den geistigen Aufschwung einer Gemeinschaft Vorbedingung sind, ist demgemäß — um zur zweiten Seite der inneren Entwicklung überzugehen — die g e i st ige Lage, wenigstens nach außen hin, eine ganz vortreffliche. Die Anzahl jüdischer Schüler, welche eine höhere Bildung genießen, beträgt etwa zehn Prozent von der Gesamtsumme, und mindestens in demselben Verhältnis sind die Juden innerhalb der Berufe vertreten, die akademische, also wissenschaftliche Bildung verlangen. Die große Anzahl jüdischer Juristen und Mediziner braucht durch Zahlen nicht nachgewiesen zu werden, sehr beträchtlich ist die Zahl jüdischer Hochschullehrer, und rechnet man hier die vielen Täuflinge hinzu, da es sich bei getauften Dozenten meist um Leute handelt, die als Schüler und Studenten noch Juden waren und ihre Aeberzeugung von der Wahrheit und Vortrefflichkeit des neuen Glaubens erst im reiferen Alter — etwa um die Zeit der Beförderung zum Ordinarius — erwarben, so ergibt sich nach der neuen Berechnung Breslauers, doch 16,3 o/o, also fast ein Sechstel aller Aniversitätslehrer Deutschlands, jüdischer Abstammung ist. War das Interesse an Kunst und Wissenschaft ein *) Der Verf. berücksichtigt hier nicht, daß einer Anzahl sehr wohlhabender Juden eine übergroße Masse in Armut nnb Elend lebender gegenübersteht. D« Red.