Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1912)
- Article
- Reichtum und Geisteskraft im deutschen Judentum
- Date
- 1912-07-01
- Page
- 319 (sequence 3)
- Language
- German
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Reichtum und Geisteskraft im deutschen Judentum. 319 Ziehung der Massen geschaffen, wie es kein anderes Land der Erde besitzt. Der Strom von geistigen und materiellen Werten, der sich von der deutschen Iudenheit aus in alle Welt ergießt, ist so mächtig, daß man bei einem Vergleich der Verhältnisse von heute mit denen vor hundert Jahren sehr wohl ein Gefühl der Freude und des Stolzes empfindet und erheblichen Anlaß zur Feier von Jubelfesten zu haben vermeint. Wer allerdings es nicht bei einem flüchtigen Blicke auf die äußeren glänzenden Verhältnisse bewenden läßt, wird gerade um die Jahrhundertwende des Emanzipationstages auch im Hinblick auf die innere Lage merken, daß tu Wahrheit zu übermäßigem Jubel kein Anlaß ist. So glänzend die wirtschaftliche und geistige Stellung an sich sein mögen, das Gefühl einer wirklichen Befriedigung wird nur eine Entwicklung Hervorrufen, die aufwärts geht. Ob aber nicht in dieser Hinsicht bei den deutschen Juden der Höhepunkt bereits überschritten ist, ob wir uns nicht bereits in einer Zeit des Mederganges befinden, ist eine Frage, die sich sogleich aufdrängt, wenn man die Zusammenhänge zwischen wirtschaftlicher und geistiger Lage untersucht. Wenn auch äußere Zeichen des Abstieges noch nicht warnend und auf die Gefahr weisend deutlich zutage treten, vorhanden sind sie schon längst und überall. Ihnen nachzugehen, sowie ferner zu zeigen, 'ba% ganz logisch eine starke Verminderung der geistigen und materiellen Kraft der deutschen Juden fast unabwendbar eintreten muß, wenn nicht Mittel gefunden. werden, die gegenwärtige Entwicklung in andere Bahnen zu leiten, ist das Ziel der folgenden Betrachtungen, weshalb sie besonders auf die engen Beziehungen zwischen wirtschaftlicher Stellung und geistigem Vermögen der Juden eiugehen. Die GrundtaLsache, &a§, die wirtschaftliche Entwicklung im vergangenen Jahrhundert eine hervorragende war, wird sicherlich nicht zu bestreiten sein. Einen guten Maßstab hat man in den Besteuerungsverhältnissen und besonders im preußischen Wahlrecht (Von den preußischen unterscheiden sich die Verhältnisse der Juden im übrigen Reiche kaum wesentlich.) Wären wir Juden, wie der Antisemitismus es uns vorwirft, hungrig nach Macht und nicht nach Gerechtigkeit, so müßten wir das preußische Dreiklassenwahlrecht mit aller Kraft festzuhalten versuchen; denn es gibt uns einen Einfluß, der, wenn die bloße Zahl entscheidet, in weit geringerem Maße vorhanden ist. Ein sehr hoher Prozentsatz der Juden gehört zu den Wählern der ersten und zweiten Klasse. Man braucht gar nicht zur Bestätigung auf die speziellenBestLuerungsverhältnisse hinzuweisen, obwohles ganz interessant ist zu erfahren, daß in Berlin die Juden fünf Prozent der Bevölkerung ausmachen und etwa dreißig Prozent der Einkommensteuer aufbringen, daß in Frankfurt am Main acht Pro-