Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1912)
- Article
- Reichtum und Geisteskraft im deutschen Judentum
- Date
- 1912-07-01
- Page
- 318 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316817-2316824-2346189--22720-2346276- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
gm deutschen Reich. 318 Jahrhundert wissenschaftlich, politisch und wirtschaftlich einen ungeheuren Aufschwung genommen hat, der besonders glänzend wirkt, wenn man damit die Verhältnisse der polnischen und galizischen Glaubensgenossen vergleicht, mit denen die deutschen Juden vor hundert Jahren eine Kultureinheit bildeten. An keiner Stätte aber hat man bei den Emanzipationsfesten vergessen zu erwähnen, wie unendlich weit wir noch von dem Ideale wahrer Emanzipation entfernt sind, weiter vielleicht noch als zu manchen anderen Zeiten des Jahrhunderts. Aeberall hat man scharf hervorgehoben, daß von tatsächlicher politischer Gleichberechtigung noch keine Rede ist, daßunsere religiösen Einrichtungen noch immer nicht denselben Schutz und dieselbe Förderung durch ben Staat genießen wie die anderer Religionsgemeinschaften, daß unsere Wissenschaft noch immer das Stiefkind ist, dem an sämtlichen Hochschulen des Kulturstaats Deutschland auch nicht das bescheidenste Plätzchen eingeräumt ist. Zudem erhebt sich gerade um die Jahrhundertwende des Emanzipationstages ein wirtschaftlicher Antisemitismus von kaum je geahnter Schärfe, der durch die niedrigsten und gemeinsten Mittel die Juden aus ihrer Erwerbsstellung verdrängen will. Alle diese Erscheinungen haben bewirkt, daß der Rückblick auf die äußere Entwicklung des Judentums im Emanzipationsjahrhundert keine sonderlich gehobene Festesstimmung aufkommen ließ. Ueberall erklang als wichtigstes Ergebnis der veranstalteten Feiern die ernste Mahnung, durch energische und beharrliche Arbeit das zur Lat werden zu lassen, was der 12. März des Jahres 1812 so verheißungsvoll versprochen hatte. Anders, ganz anders freilich scheint es zu sein, wenn man die innere Entwicklung der deutschen Indenheit im vergangenen Jahrhundert betrachtet. Ein derart hoher Aufschwung ans allen Gebieten zeigt sich auf den ersten Blick, so daß es begreiflich erscheint, wenn das deutsche Judentum zum Mittelpunkt des inneren jüdischen Lebens der ganzen Welt geworden ist, zum Füllhorn, aus dem sich Ströme geistiger Anregung und materieller Gaben in fast alle anderen Länder ergossen haben. Die wirtschaftliche Lage der deutschen Juden ist im Emanzipationsjahrhunbert eine glänzende geworden, ihre geistige, die Stellung, die sie im deutschen Kulturleben, in Wissenschaft, Literatur und Kunst einnehmen, ist es nicht minder. Ohne den Anteil deutscher Juden würde eine moderne jüdische Wissenschaft einfach nicht vorhanden sein, Deutschland ist der Mittelpunkt fast des gesamten Hilfswerks und der Fürsorge für die kulturelle Hebung aller Glieder des Judentums. Deutschland hat den Mangel an staatlicher Organisation der Juden durch großzügige Gebilde aus eigener Kraft ersetzt, es hat im Eentralverein ein Organ zur Abwehr von Feindseligkeit und zur Er-