Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Article
- [Ohne Titel] / Wolff
- Date
- 1912-06-01
- Page
- 293 (sequence 4)
- Language
- German
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Berenlsnachrichtett. 293 so würde dann das Odium der Intoleranz auf die Negierung allein abgewälzt werden können und die Stadtverwaltung von jeder Schuld freizusprechen sein. Der zweite Referent, Herr Iustizrat Di'. S. Fried- I'anbei, konstatierte, daß in denjenigen Fällen, die seiner Prüfung oblagen, sich keine Mißstände gezeigt haben. Ämter den 72 Stadtverordneten seien ca. 20 Juden. Soweit daher die Mithilfe dieser Körperschaft nötig sei, müsse angenommen werden, daß sie in judenfreundlichem Sinne ausfallen werde. Dasselbe könne von der Mehrzahl der Magistratsräte gesagt werden. Anter 11 besoldeten Stadträten sei ein Jude, unter 10 Magistratsassessoren ebenfalls ein Jude. Dagegen fänden sich unter den zahlreichen mittleren und niederen Kommunalbeamten keine Juden. Der Grund liege aber darin, daß. sich keine Juden melden. Friedlander schloß sich den Ausführungen Segalls in dem soeben erschienenen Werk: „Die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Juden in Deutschland" an, daß die Juden sich weit mehr als bisher dem mittleren Staats- und Kommunaldienst zuwenden müssen, da dies sowohl in ihrem wie im Interesse des Staates sei. Was die Aerzte anlange, so seien unter 10 Stadtärzten 8—10 Juden, unter 20 Schulärzten 5 Juden. Im städtischen Krankenhause Kirchstr. waren vor 1905 viele jüdische Aerzte tätig, und auch später seien dort jüdische Assistenzärzte gewesen. Im Krankenhause Westend sei momentan kein jüdischer Assistenzarzt vorhanden, lieber die Anstellung von Assistenzärzten habe aber lediglich die Krankenhausdeputation zu entscheiden. An die beiden Referate schloß sich eine überaus lebhafte Diskussion, an der sich fast alle jüdischen Stadtverordneten Lharlottenburgs, die der Versammlung beiwohnten, beteiligten. Es sprachen Stadtverordneter Iohlenberg, Bergmann, San.- Rat Dt. Landsberger und Iastrow. Sie betonten, daß. die Schuld an der Richtanstellung jüdischer Lehrer weder an den jüdischen Stadtverordneten noch am Magistrat liege, sondern einzig und allen: bei der Regierung, die durch das Gesetz gebunden sei, Iastrow und Landsberger gaben zwar zu, daß in den Krankenhäusern, namentlich in Westend, nur sehr wenige jüdische Assistenzärzte angestellt seien, bestritten aber, daß seitens der Kranken- -hausdeputation die Fernhaltung von Juden beabsichtigt sei, und nahmen die jüdischen Stadtverordneten Charlottenburgs gegen den Vorwurf der Lauheit in der Vertretung jüdischer Interessen in Schutz. Herr Kantorowitz und Rechtsanwalt Dt. Alexander vertraten mit Rachdruck die Ansicht, daß die gegenwärtigen Zustände hinsichtlich der Anstellung jüdischer Lehrer dringend der Reform bedürfen. Prof. Lewin hob insbesondere hervor, daß es sehr auffallend sei, wenn bei. der starken Ver-