Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1912)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1912-05-01
- Page
- 239 (sequence 9)
- Language
- German
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Vereinsnachrichten. 239 rung gerichtet werden, nicht abseits zu stehen, sondern sich als eine imponierende Macht zu organisieren. Nach diesen mit großem Beifall aufgenommenen packenden Ausführungen referierte Rechtsanwalt Dr. Brodnitz in mehr als einstündiger Rede über das große Arbeitsgebiet des Lentral- Vereins und die bereits erzielten Erfolge. Aus dem reichen Inhalte seiner Ausführungen seien folgende Punkte hervorgehoben: Der Rückblick auf die Jahre seit 1878 muß. in uns das Gefühl der Zufriedenheit wachrufen. Die deutsche Iudenheit ist durch die Schaffung des Central-Vereins mit einer neuen Idee erfüllt worden, mit der Idee, unser Recht selbst zu verteidigen. Noch als die erste antisemitische Adresse im Reichstag behandelt wurde, welche die Iudenemanzipation aufheben wollte, hielt mau. es für angebracht, daß kein Jude im Reichstag das Wort für die Juden ergreifen dürfe. An die Stelle der Zaghaften jener Zeit sind heute aufrechte Männer getreten. Das ist die wahre Renaissance im Judentum. Wir haben den Schandnamen „Jude'' zu einem Ehrennamen gestempelt. Wir dürfen den Antisemiten in gewisser Hinsicht dankbar sein, weil sie uns vor große kulturelle Aufgaben gestellt haben, weil sie uns dazu verhelfen haben, einen großen Kulturstandpunkt einzunehmen; denn in dem Kampf um unsere Rechte als Juden kämpfen wir den großen Kulturkampf. Wir sind heute die kleine, kulturelle, erlesene Minorität, die mit dem Anspruch auftritt, daß kein Mensch um seines Glaubens willen in seinen staatsbürgerlichen Rechten herabgesetzt werden dürfe. Wir Haben aber nicht bloß in den. Juden das Selbstbewußtsein geweckt, sondern ihnen auch einen Einigungspunkt geschaffen. Dies war nicht leicht. Es hat lange Zeit gedauert, bis in vollem Maße das Verständnis dafür geweckt wurde, daß. unsere Bestrebungen allen deutschen Juden gemeinsam sind. Der moralische Erfolg des Zusammenschlusses war, daß unsere schlimmsten Eigenschaften, die Resignation und die Mutlosigkeit, schwanden und an deren Stelle eine frische, kampresfrohe Stimmung trat, die uns aber nie dazu verleitete, unüberlegt darauf loszugehen. Wir halten uns in den Grenzen, die uns durch die Wahrung unserer Rechte gesteckt sind. Dieser besonnene, ruhige, aber unermüdliche Kampf hat auf gegnerischer Seite das Verständnis für unsere Bestrebungen gezeitigt. Die leitenden Behörden beginnen, uns zu respektieren. So erfreulich aber auch der Rückblick ist, so traurig ist es andererseits, wenn wir uns immer wieder die Frage vorlegen müssen: wann wird die Menschheit reif sein für das Verständnis der kulturellen Fragen, die wir an die Menschheit richten? Die Gegenwart ist trübe, es sind mancherlei Anzeichen dafür vorhanden, daß wir einer stark wieder auflebenden antisemitischen Strömung entgegensetzen. In den konservativen Zeitungen werden