Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1912)
- Article
- Die Zukunft der Juden
- Date
- 1912-05-01
- Page
- 210 (sequence 2)
- Language
- German
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210 Im deutschen Reich. Lin Nationalökonom von zweifelloser Bedeutung Hat vom feinem persönlichen Standpunkt aus auf Grund mehrjähriger Studien in Wort und Schrift sich geäußert und das Gewicht seiner Stimme in die Wagschale einer bestimmten Partei geworfen. Kann die Frage über die Zukunft der Juden, die nach Naumanns treffendem Wort erlebt und nicht erraten sein, will, durch Wissenschaft „gelöst" werden, soweit das überhaupt möglich ist? Sicherlich nicht! — Wissenschaft kann sie vielleicht, hie und da ein wenig beeinflussen, dort ein Steinchen zum Bau herzutragen, da ein Steinchen vom Bau ablösen, „lösen" kann sie sie nicht, ebensowenig wie Religion an sich durch Wissenschaft an sich gelöst werden kann. Die „Lösung" — das Wort immer in begrenztem Sinn verstanden — bringt Politik. Aus welchen Elementen aber setzt sich Politik zusammen: aus Macht und Kunst, — Kunst im Sinne von Geschicktheit gefaßt. Da sich nun die Zukunft der Juden fortschreitend aus Gegenwart und Vergangenheit ergibt, so ist es erforderlich^ einen streifenden Blick auf die gesamtjüdische Geschichte zu. werfen. Vier Fragen ergeben sich: 1. Wie ist die Lage der Juden der Jetztzeit? Dazu vorangehend: 2. Wie ist sie entstandew? Z. Welches sind die letzten Ursachen, daß sie so ist, wie sie ist? 4. Welches sind die Aussichten ihrer Entwicklung? Wir lassen also Geschichte, d. i. flüssige Politik, rasch an. uns vorübergleiten! Redner schildert sodann, wie Israel, von dem mächtigeren Gegner von Grund und Boden vertrieben, über die Erde strömt — gleichsam nach physikalischen Gesetzen nach den Punkten des geringsten Widerstandes fließend — durch Wirtschaft und Religion gehalten, durch Wirtschaft und Religion auch wieder vertrieben, von Osten nach Westen strömend ünd wieder zurück nach Osten, bis schließlich jene Weltlage entsteht,, die zahlungsmäßig die bekannte Zusammensetzung trägt und in der Addition 11*4 Millionen aufweist. Der Vortragende schildert sodann in kurzen Zügen die Augenblickslage der Juden auf den markantesten Punkten der Erde und die Mittel der Politik, deren man sich den Juden gegenüber — ab gestuft je nach dem Kulturzustande der einzelnen Völker — bedient. Da zeigt sich ein altes Spiel, das sich so häufig neu wiederholt hat: Man läßt die Juden zu, sie breiten sich wirtschaftlich aus, dann sucht man sie wieder zusammenzupressen oder herauszupressen — immer in dem Gefühl, sie wenigstens an der großen Zehe etwas festzuhaltendenn schließlich sind sie wirtschaftlich doch noch brauchbar. Dies Weltschauspiel heischt dringend, nach den letzten Ursachen, der Tragödie zu forschen. Sind die Völker nur edel und