Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 4 (April 1912)
- Article
- Ein jüdischer Kaufmann [Rezension]
- Date
- 1912-04-01
- Page
- 201 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316817-2316821-2345921--22543-2345983- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Vücherschau. 201 Geschichte unseres Central-Vereins lesen, wenn wir hören, wie die Juden Wiens gegenüber den heftigsten Angriffen in einer neu entstandenen Presse und im Wiener Stadtparlament zuerst beschlossen, in „vornehmer" Zurückhaltung diese Angriffe zu ignorieren und totzuschweigen und wie insbesondere die „Höchstbesteuerten" am ängstlichsten vor jeder tatkräftigen Abwehr warnten. Auch hier hat erst die bittere Not der Zeit die Angegriffenen zur Abwehr gezwungen. Tief tragisch ist es, wie die österreichischen Juden, Träger des Liberalismus und des Deutschtums gerade in solchen Gegenden, wo das Deutschtum am meisten gefährdet war und deutsche Kandidaten nur mit Hilfe der jüdischen Wähler durchdringen konnten, z. B. in Mähren, von ihreir erwählten Abgeordneten preisgegeben und nun zum Dank für ihre Treue von Deutschen und Tschechen zugleich angefeindet wurden. Mayer selbst, einer der eifrigsten und erfolgreichsten Diener und Helfer der liberalen Partei, der in seinem Bezirke der Partei eine musterhafte, stets schlagfertige Organisation für die Wahlen geschaffen hatte (S. 284 ff.), sah sich von den bisherigen Parteifreunden mehr und mehr im Stich gelassen. Als die Deutsch-Liberalen immer mehr in das Fahrwasser des Antisemitismus übergingen und die Grundprinzipien des Liberalismus verleugneten, stellte er die Führer der Partei klipp und klar vor die Beantwortung der Frage, ob sie für oder gegen den Antisemitismus sein wollten, und als die Entscheidung gefallen war, gab er die würdige Antwort: „Wenn die deutsche Partei den politisch und sozial groben Fehler begeht, von der Freiheit abzufallen, so mag sie es tun. Wir Juden aber können ihr in dieser Richtung der Gesinnungslosigkeit nicht folgen. Trennt sich die deutsche Partei vom Freisinn, so werden wir Juden uns von ihr trennen und uns mit jenen politischen Elementen zusammenfinden, welche in gleicher Weise wie wir Juden um ihr Recht kämpfen müssen." (S. 317.) Wie mancher unter uns, ist Mayer nach seinem eigenen Geständnis erst durch das Illiberale und Kulturwidrige des Antisemitismus, durch die Empörung über die Heuchelei siLtlichminderwertiger Existenzen, die sich als Hüter des Deutschtums und Bekämpfer der Korruption spreizten, zum selbstbewußten Juden geworden. Er überzeugte sich, daß die „vornehme" Zurückhaltung die Gegner nicht entwoffnen, sondern nur ermutigen werde, und daß nur im Kampfe das Recht zu finden und zu erhalten sei. Als er im Frühjahr 1894 zur Mitarbeit an der Oesterreichisch-IsraeliLischen Union berufen wurde, entwarf er, unterstützt von seiner langjährigen Erfahrung als Wahlleiter der Liberalen in der Leopotdstadt und von seiner umfassenden Kenntnis der leitenden Personen, einen Kriegsplan in Form eines Memorandums, das unter allen wechselnden Präsidenten der Union — Mayer war von 1894 bis