Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 4 (April 1912)
- Article
- [Ohne Titel] / Kohnstamm, Robert
- Date
- 1912-04-01
- Page
- 183 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- address
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316817-2316821--22519-2345965- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Vereinsnachrichten. 183 ausgesprochen hatte, daß Berlin AV. trotz der Taufen und Mischehen einen fruchtbaren Boden für die Bestrebungen des Central- Vereins bieten werde, sprach, zuerst der Reichstagsabgeordnete Rektor Ko p sch über das aktuelle Thema: „Bach den Wahlen." Er führte in mehr als einstündiger, oftmals von lebhaftem Beifall unterbrochenen Rede etwa folgendes aus: Nachdem die Wahlen vorüber sind, drängt sich jedem die Frage nach dem Resultat des Wahlkampfes auf. Lines steht fest, der schwarzblaue Block ist dahin, die Entscheidung allerdings liegt nur bei wenigen Stimmen. Dem neuen Reichstag wurde bisher ein reges Interesse entgegengebracht, was insbesondere bei dem Vorgang gelegentlich der Präsidentenwahl zutage trat. In dieser schwierigen Situation hat die Fortschrittliche Volkspartei mir opferfreudigem Sinne die Zügel ergriffen und den Reichstag arbeitsfähig gemacht. Redner vergleicht dann die Resultate des Wahlkampfes 1907 mir denen von 1912. Bethmann tzollweg sagte: „Der Liberalismus hat 1907 gejubelt, als der schwarzrote Block unterlag und 1912, als die Sozialdemokratie siegte", und wollte damit dem Liberalismus den Vorwurf des Schwankens machen. Mit Anrecht. 1907 jubelte der Liberalismus, weil die Riederringung des schwarzroten Blocks gelang und 1912 jubelt er, weil die Beseitigung des schwarzblauen Blocks erreicht wurde. Rach der kurzen Episode des Bülow-Blocks fanden sich im letzten Reichstage Konservative und Zentrum zusammen und schufen die.ungerechten Steuern, die im Volke eine Fülle von Groll erregten Aus dieser Stimmung heraus sind die Neuwahlen vor sich gegangen. Der Liberalismus ist zwar geeint in den Wahlkampf gezogen, hat aber beim Aufmarsch taktische Fehler begangen. Dazu kam die Zahlenwut der Sozialdemokratie. Der Wahlkampf hat sich in überaus häßlichen Formen abgespielt,-das Schlimmste war, daß man das religiöse Moment, namentlich in Westpreußen, in den Wahlkampf hineinzog. Ausführlich verbreitet sich der Redner über den gegenwärtigen Stand des Antisemitismus und warnt davor, den Antisemitismus für überwunden zu halten, weil der politische Antisemitismus im Rückgänge begriffen sei. Sowohl bei den Konservativen, wie bei tem gesamten Zentrum herrsche die antisemitische Grundstimmung vor. Vor dem Wahlkampf berichtete allerdings die „Kreuz-Zeitung", die konservative Partei habe sich in ihrer großen Mehrheit davon überzeugt, daß der antisemitische Passus im konservativen Programm sich nicht mehr rechtfertigen lasse, nach den Wahlen aber klang es anders. Immerhin sei zu begrüßen, daß gleich am ersten Wahltag eine ganze Anzahl von antisemitischen Hetzern auf der Wahlstatt geblieben ist. Der neu gewählte