Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 4 (April 1912)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1912-04-01
- Page
- 176 (sequence 5)
- Language
- German
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[76 Im deutschen Reich. gewiß. Beachtung. Einem Manne, dem die im Gnadenwege nachgesuchte Ilmwandlung der Gefängnisstrafe in Festungshaft versagt wurde, hätte ein strammer Monarchist früher kaum ein Ehrenzeugnis ausgestellt. Im Reichstage spielen die antisemitischen Gesinnungsgenossen des Herrn Fritsch keine beneidenswerte Rolle. Bei der Beratung des Etats des Reichsamts des Innern erregte der sich zur „Wirtschaftlichen Vereinigung" rechnende radikale Antisemit Abgeordnete Dr. Werner- Gießen die Heiterkeit der Linke'.: nicht nur mit seinen Erörterungen über Sozial- und Wirtschaftspolitik, sondern auch mit seinen Ausfällen gegen den seiner Meinung nach unter jüdischem Einfluß stehenden Hansabund und gegen die liberalen Blätter, die von im nach bekanntem Muster künstlich zur „Iudenpresse" gestempelt werden. Als er gegenüber dieser Presse einen stärkeren Schutz der persönlichen Ehre verlangte, antworteten ihm mehrere Sozialdemokraten mit dem Zuruf: „B ruhn!" Der Herausgeber der „Wahrheit" erstieg darauf sofort die Rednertribüne, was, wie dies neuerdings immer der Fall ist, eine große Anzahl von Reichstagsabgeordneten aus dem Saale trieb, selbst solche, die sonst dem Antisemitismus nicht abhold sind. Weder die dem Bunde der Landwirte fernstehenden Konservativen, noch die Mitglieder des Zentrums lassen es sich gefallen, daß man sie als Gönner der Antisemiten anspricht, deren wüstes Treiben die rechtsstehenden Parteien bei vielen Wählern diskreditiert hat. Die Organe des Zentrums wehren sich entrüstet dagegen, daß ihre Partei antisemitisch sei „wie die Deutsch-Konservativen aus Grund des Tivoli-Programms", und behaupten, daß ihre Abwehr gegen das Berliner Tageblatt und seine Ableger „keineswegs als eine Absage an die Windthorstsche Toleranzpolitik" anzusehen sei. Aber gerade diese beständig wiederholten künstlichen Versuche, das Judentum für die antiklerikalen Aeußerungen einzelner von denIuden völlig unabhängigen, ausschließlich von Christen oder Dissidenten redigierten Blätter verantwortlich zu machen, die den Juden gleichgültigen oder sogar widerstrebenden Witze über katholische Gebräuche auszunutzen, um die katholischen Leser gegen die Juden aufzureizen, sind „antisemitisch"; denn sie müssen, wie die „Köln. Volkszeitung" selbst bemerkt, „jeden Katholiken, dem seine katholische Ileberzeugung teuer ist, aufs Blut reizen". Weil dies der Fall ist, ist es ein schweres Anrecht, die Juden für Ausschreitungen solcher Schriftsteller haftbar zu machen, die nie Juden waren, oder es nicht mehr sind und jetzt der katholischen Kirche näher stehen, als der