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Im deutschen Reich · 1912-04-01 · Heft 4 (April 1912) · p. 177

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
18 (1912)
Issue
Heft 4 (April 1912)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1912-04-01
Page
177 (sequence 6)
Language
German
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Umfd>au., 177 Synagoge. Der Umgang mit den Agrariern hat offenbar auf dis Zentrumspresse abgefäröt, was von jüdischer Seite aufrichtig bedauert wird/ weil der Respekt vor religiösen Einrichtungen bei den Juden ebenso Lief eingewurzelt ist wie bei den Katholiken. Was das Zentrum zum Schutze der jüdischen religiösen Einrichtungen geleistet hat, ist unvergessen, konnte aber nicht mit dem vollständigen Verzicht auf die politische Aeberzeugung vergolten werden/weil das Zentrum im Bündnis mit argen Judenfeinden in den Wahlkampf zog und noch jetzt nach den Wahlen mit dem Bunde der Landwirte verbrüdert erscheint, dessen erster Führer, Freiherr v. Wangenheim, einen Ausruf zur Ehrung für Theodor Fritsch unterzeichnet hat, also den Mann ehren will, der erst kürzlich mit Hilfe seiner großmütigen Gönner über eine Million Flugblätter ausgestreut hat, in denen unsere Religion in gotteslästerlicher Weise beschimpft wird. Wer für die Toleranz zu kämpfen vorgibt, der sollte sich ganz besonders davor hüten, unrichtige Behauptungen aufzustellen, die den einfachen, gläubigen Mann Bis aufs Blut reizen. Das schreckliche Elend, das in Rußland durch die Verbreitung von V.itnalmoz&mäxäjen angerichtet wird, muß jeden fühlenden Menschen mit Abscheu erfüllen. Die Ritualmord - Affäre I u st s ch i n s k i wird von ProgromansLiftern in einer solchen Weise betrieben, daß eine Bestrafung der wirklichen Verbrecher noch keineswegs gesichert erscheint, vielmehr eine epidemieartige Werterverbreitung des Pöbelwahns zu befürchten ist. Sowie irgendwo in einem kleinen russischen Rest ein christlicher Knabe verschwindet, taucht das Gespenst einer Ritualmordbeschuldigung auf, das die ungebildete Volksmasse in Rachestimmung versetzt, und gleich bemächtigt sich der Juden des Ortes eine wahrhafte Panik. Ihre Lage ist im höchsten Grade bedauernswert; die Arheber solcher Aufreizungen laden eine ungeheure Verantwortung auf sich. Wir Deutschen leben in einem Kulturstaat, in dem Aehnliches nicht möglich ist, aber es ist auch bei uns die höchste Zeit, dem Unsichgreifen verrohender Hetzerei ein Ziel zu setzen. Wer fein Vaterland liebt, muß sich hüten, Rassen- und Religionshaß direkt oder indirekt anzufachen; er kann sich nicht der Tatsache verschließen, daß die Bestrebungen, durch eine Renaissance des Antisemitismus eine p o l i t i s ch e Reaktion herbeizuführ e n, auch wenn sie nicht erfolgreich sind, nicht etwa nur die deutschen Juden, sondern das Gesamtwohl des deutschen Volkes gefährden und zu nichts anderem führen können als zur Anarchie. A. L.

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