Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 4 (April 1912)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1912-04-01
- Page
- 174 (sequence 3)
- Language
- German
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174 Im deutschen Reich. beherrsche von Blättern wie dem „Berliner Tageblatte" und der „Frankfurter Zeitung", deren Herkunft und Anschauungen man ja kenne. — In beix Versammlungen, die ebenfalls in den ersten Märztagen in Wurzen und in Löbau abgehalten wurden, trat der wenig regierungsfreundliche Zug des agrarischen Wesens fast ebenso deutlich hervor, wie der antisemitische. Gleich in der Eröffnungsrede erklärte der Vorsitzende der Wurzener Versammlung, Rittergutsbesitzer Raumann-Mutzschen: „Die Erinnerung an die große Zeit von 1870 scheint in unserem Volke im Schwinden begriffen zu sein. Damals war das Deutsche Reich die führende Großmacht geworden, heute ist es zu einer Großmacht zweiten Ranges herabgesunken. Das ganze Prestige, das der selige Kaiser Wilhelm uns hinterlassen hat, ist jämmerlich verwirtschaftet. Im Innern stehen wir vor einem Abgrund." In derselben Versammlung unterzog der Vunöesöirektor Du. Dieöeuich £>ahn das Verhalten des Reichskanzlers v. Bethmann Hollweg einer scharfen Kritik und beschuldigte die offiziöse Presse, durch ihre Rücksichtnahme auf das Großkapital sich wenig objektiv zu verhalten, statt eine stärkere Heranziehung des mobilen Kapitals für die Steuern zu befürworten. - Die Regierung hat allen Grund, aus diesen Kundgebungen die Lehre zu ziehen, daß. sie von beu angeblichen Stützen von Dhron und Altar keine Opferwilligkeit zu erwarten hat, sondern nur neue Anforderungen. Was wir als Juden von der jetzigen verbissenen Stimmung in den Kreisen der agrarischen Demagogie zu erwarten haben, ist noch unerfreulicher und mahnt zur Vorsicht. Die Zusicherung des Freiherrn v. W a n g e n h e i m, kein Antisemit „im landläufigen Sinn§" zu sein und nur einen veredelten Antisemitismus pflegen zu wollen, entbehrt nicht einer ernsten Bedeutung, zumal sie mit einer warmen Empfehlung des uns sattsam bekannten Verbreite rsanti semitisch er Ladenhüter, des Herrn Theodor Fritsch in Leipzig, verbunden war, dem dabei „nationaler Ernst" nachgerühmt wurde. Der vertiefte „veredelte" Antisemitismus unterscheidet sich von dem „Radauantisemitismus" nur durch die Scheu vor dem Staatsanwalt und durch die den Juden nicht minder schmerzliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Isolierung. Üebrigens hat der Ton, der in den Zirkus Busch-Versammlungen des Bundes der Landwirte schon früher herrschte, hinreichend bewiesen, daß die Verbindung der Agrarier mit den Deutsch- Sozialen den Antisemitismus wohl vertieft, aber nicht veredelt, dafür aber den Edelmännern eine antisemitische Ausdrucksweise beigebracht hat, die sie früher als „nicht vornehm" ver-