Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1912-03-01
- Page
- 138 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316817-2316820--22440-2345878- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
138 Im deutschen Reich. der verschiedensten politischen Parteien. Daß gerade ein, Jude durch das Einsetzen seiner Persönlichkeit) durch die Macht seiner Gründe und die Wahrhaftigkeit seiner Ziele im Hansa-Bund das deutsche Bürgertum zur mannhaften Vertretung seiner eigensten Interessen aufrüttelt, gilt natürlich den Rückschrittlern als eine Handhabe) diese Erstarkung der bürgerlichen Kreise mit dem verbrauchten Mittel der Rassenhetze zu hemmen. Was aber Jacob Rießer leistet) das hat er als deutscher Bürger und Vertreter von Handel und Industrie) nicht als Jude getan. Wenn aber neuerdings die Antisemiten es ihm zum Vorwurf machen, dabei in die Fußtapfen Gabriel Rießers getreten zu fein, dann würde ihm dies nur zur Ehre gereichen. Dieser Oheim Jacob Rießers hat als Vorkämpfer der Emanzipation der Juden gelegentlich erklärt, daß, wenn man ihm in der einen Hand die Gleichberechtigung der Juden und in der anderen die Einheit Deutschlands reichen wollte, er sich unbedenklich für die letztere entscheiden würde, weil das Zustandekommen eines einigen Deutschen Reiches die Emanzipation, selbstverständlich zur Folge haben müsse. Die Folgezeit hat zwar diese Erwartung nicht vollständig gerechtfertigt, aber noch ist nicht aller Tage Abend! Eine zum Zwecke der Diskreditierung des Hansa-Bundes von Gottfried Königt herausgegebene Schrift, die sich gegen die Ahnen Jacob Rießers richtet und insbesondere das Andenken Gabriel Rießers herabwürdigt, kann bei Vernünftigen nur ein mitleidiges Lächeln Hervorrufen. Wenn die Antisemitenpresse dem großen Kämpfer für die Rechte der Juden keinen anderen Vorwurf machen kann, als daß er schon als Jüngling gegen einen 70 jährigen antisemitischen Universitätsprofessor Dr. Paulus etwas derb die Wahrheit vertrat — dann hat Rießer diesen Akt der Notwehr treffend mit den Worten entschuldigt, wer ihm sein Deutschtum, seine Zugehörigkeit zum Vaterland streitig mache, gegen den müsse er sich wehren, wie gegen einen. Mörder! Das ist eine deutsche Tonart, ähnlich jener, die Ulrich v. Hutten und Martin Luther zur Reformationszeit mit wunderbarem Erfolge angestimmt haben. Weil sie deutsch ist, war sie für antisemitische Ohren besonders geeignet; vorurteilsfreie Deutsche aber erkannten darin nur das Wort des freien Vaterlandsfreundes. Wer aber als Nichtjude sich heutzutage dem Terrorismus der Antisemiten nicht fügt, gegen den richtet sich sofort ihr Haß mit fast größerer Erbitterung als gegen die Juden selbst. Wie hoch dabei ihre Giftpfeile fliegen können, ist allbekannt; glücklicherweise erreichen aber solche Pfeile nie ihr Ziel, sondern