Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Article
- Wie Märchen entstehen
- Date
- 1912-03-01
- Page
- 134 (sequence 6)
- Language
- German
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134 Im deutschen Reich. einzutreten. Dazu tarn noch, gns Gründen der allgemeinen Taktik auch der Zentralvorstand der Fortschrittspartei dringend die Wahlparole für den Nationalliberalen verlangte und selbst ausgab. Selbstverständlich wäre ich für North nicht zu haben gewesen, wenn dieser wirklich Antisemit wäre; denn dann verdiente er aus keinen Fall den Namen eines Liberalen, undweiter sind die Antisemiten mit ihrer Treulosigkeit gegenüber Verfassung und Menschenrechte die schlimmsten Feinde von Vaterland und Kultur. Für die Mehrheit meiner Parteifreunde im Wahlkreise genügte allerdings neben anderen taktischen Gründen schon die Tatsache, daß Northvon den Konservativen und vom Bund der Landwirte unterstützt wurde, und zwar — wenn nicht öffentlich, so doch von Mund zu Mund — auch mit antisemitischen Angriffen, um als Wahlparole die Stimmenfreigabe zu beschließen. Keineswegs wurde beschlossen, die Stimmen gegen North abzugeben, was doch sicher geschehen wäre, wenn seine eigene antisemitische Gesinnung als erwiesen angesehen wäre. Trotzdem traten dann fortschrittliche Zeitungen im Wahlkreise Anhalt I aus den Gründen, aus denen Stimmenfreigabe beschlossen war, mehr oder weniger offen gegen North ein, und hieraus schloß ein Artikel im „Berliner Tageblatt" zu Anrecht, daß North kein Nationalliberaler, sondern ein Antisemit sei. Eine von mir verfaßte ausführliche Berichtigung wurde indessen auf meine Bitte sofort im „Berliner Tageblatt" abgedruckt. Die demokratische Vereinigung, welche auch in Dessau-Zerbst durch die Aufstellung einer eigenen aussichtslosen Kandidatur unseren Kandidaten Dr. Preuß zu Fall gebracht hat und lediglich Wahlmacher für die Sozialdemokraten war, griff aber in einem Berliner Wahlslugblatt gegen.Ka-empf das Märchen von dem als „Antisemiten" entlarvten North wieder auf, und anläßlich der Bekämpfung dieses Flugblattes vergaß das „Berliner Tageblatt" die von ihm gebrachte Berichtigung und behauptete wiederum, daß 'North Antisemit sei. Behauptungen werden aber dadurch nicht wahr, daß sie wiederholt werden: ich konnte nicht in die Seele von Herrn North schauen, ich konnte auch nur nach den mir bisher bekannt gewordenen Tatsachen urteilen,- danach mußte ich die Agitation für North, soweit sie mit antisemitischen Mätzchen betrieben wurde, verurteilen, aber ihn immer noch als Nationalliberalen und keineswegs als Antisemiten anerkennen. Es klingt mir wieder wie ein Märchen, wenn mir, der ich seit einem Jahrzehnt fortschrittlicher Abgeordneter bin, der ich seit Jahren in der Leitung der für die Gleichberechtigung der deutschen Juden kämpfenden Institutionen, wie im Verband der deutschen Juden. Central-Verein und Abwehr-Verein sitze, der Syndikus des Cen-