Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Article
- Wie Märchen entstehen
- Date
- 1912-03-01
- Page
- 131 (sequence 3)
- Language
- German
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Wie Märchen entstehen. 131 In der gestrigen Vertrauensmännerversammlung der Fortschrittlichen Volkspartei für Anhalt I und auch sonst wurde von verschiedenen Seiten mitgeteilt, daß Agitatoren der nationalliberalen Partei die Kandidatur des Herrn Dt. Preuß mit antisemitischen Gründen bekämpfen. Angesehene und vertrauenswürdige Männer unseres Kreises stehen uns dafür als Zeugen zu Gebote. Sie werden mit mir die Ansicht teilen, daß der Charakter und die Fähigkeiten die Voraussetzung für die Wahl zum Reichstag bestimmen, nicht aber die Konfession. Es gibt in allen Konfessionen gute und schlechte Menschen, und Sie als Katholik sind ja selbst Angehöriger einer Minorität. Die Mitteilung unserer Vertrauensmänner erscheint mir aber um so glaubwürdiger, als das jüngste, von „B." Unterzeichnete, wohl von Herrn Landgerichtsrat Dr. Beyer herrührende, für die Kandidatur North eintretende „Eingesandt" im „Staats-Anzeiger" mit seinen gegen Herrn X)r. Preuß gerichteten persönlichen Angriffen nicht mehr weit von der antisemitischen Tonart entfernt scheint. Persönlich nenne ich alle Angriffe, welche aus dem Privatleben des Kandidaten hergeholt sind. Angriffe dieser Art stad auf unserer Seite vermieden. Wir bekämpfen Herrn North nicht mit Argumenten aus seinem Privatleben, sondern, lediglich hinsichtlich seiner sachlichen Geeignetheit als Reichstagsadgeordneter. Am so verwerflicher wäre es, wenn die Nationalliberalen oder unter dem Deckmantel der „Anonymität", aber im Interesse der Kandidatur North, andere den Kampf unter antisemitischer Flagge führten. Ich weise nicht erst darauf hin, daß die Folge hiervon die dauernde Anmöglichkeit einer Annäherung zwischen den anhaltischen Liberalen beider Richtungen sein müßte. Ich betone nicht erst, daß die auf solche Agitation gestützte etwaige Majorität Norths in der Hauptwahl — welche ich für eine Anmöglichkeit halte — zu seiner totsicheren Niederlage in der Stichwahl führen müßte. Ich verweise Sie nicht erst darauf, daß Ihr früherer Kandidat, Herr Geheimer Regierungsrat Witting aus Berlin, selbst ein getaufter Jude ist. Aber ich richte die Frage an Sie: Entspricht solche Agi-* tation den Traditionen oder auch nur dem jetzigen Reichstagswahlaufruf der deutschen nationalliberalen Partei, und steht der Makel, den solche Agitation im Auge jedes anständigen Menschen mit sich bringt, im richtigen Verhältnis zu ihrem bestenfalls möglichen Erfolg? Ich hielt es für meine Pflicht, Sie, sehr geehrter Herr Direktor, von den Ihnen gewiß unbekannten Vorgängen in