Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1912-03-01 · Heft 3 (März 1912) · p. 130

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
18 (1912)
Issue
Heft 3 (März 1912)
Article
Wie Märchen entstehen
Date
1912-03-01
Page
130 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2316602-2316817-2316820-2345822--22430-2345870
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

130 Im deutschen Reich. Gerade diesem offenen Bekenntnis gegen den Antisemitismus schreibe ich es zu, daß nicht ein einziger Konservativer dem Herrn von Trotha zu Hilfe kam, und daß sein Angriff völlig mißglückte. Als nun die Reichstagswahlen herankamen, gerieten wir im ersten anhaltischen Wahlkreise mit den Rationalliberalen in Streit. Sie hielten an einer eigenen Kandidatur fest, der aus meinen Vorschlag Prof. Dr. Preuß gegenübergestellt wurde. Di*. Preuß ist Jude, und ich kann nicht leugnen, daß gerade von jüdischer Seite von vornherein aus diesem Grunde Bedenken gegen seine Kandidatur mir gegenüber erhoben wurden. Ich schlug aber die Wähler Richard Röfickes und Schräders so hoch an, daß ich glaubte, daß nicht einmal der stille, im geheimen wütende Antisemitismus bei unseren aufgeklärten Bürgern und Bauern eine Wirkung auszuüben vermöchte. Während des Wahlkampfes, der von uns wie von den Gegnern in außerordentlich energischer Weife geführt wurde, bemerkte ich bis etwa zur letzten Woche vor den. Wahlen nichts von antisemitischer Agitation. Um bt-efe Zeit wurde mir von verschiedenen Seiten gesagt, daß. in der Kleinagitation von Freunden der nationalliberalen Kandidatur Dr. Preuß auch als Jude bekämpft würde. Solche Agitation würde namentlich am Biertisch, insbesondere nach den Versammlungen betrieben. Als ich diesen Gerüchten nachging, konnte ich wohl feststellen, daß Aeußerungen antisemitischer Art gefallen waren, konnte aber nicht ermitteln, daß sie von den RaLionalliberalen selbst oder irgendwie bekannten Agitatoren dieser Partei ausgingen. Zu bemerken ist, daß Konservative und Bund der Landwirte von vornherein den RaLionalliberalen unterstützten, ohne daß diesem nachgewiesen werden kann, daß er eine andere Verpflichtung eingegangen ist, als die: bei der jetzigen Zollpolitik — von einigen Ausnahmen abgesehen — stehen zu bleiben. Mit dieser Verpflichtung aber blieb der Rationalliberale aus dem Boden seines Parteiprogramms. Es bestand nun die Möglichkeit, daß Konservative oder rein agrarische Helfer aus antisemitische Weise hetzten. Am klarzustellen, wo der Schuldige war, schrieb ich den nachstehenden Brief: „Dessau, den 8. Januar 1912. Herrn Bankdirektor Lux Dessau. Sehr geehrter Herr Bankdirektor! In Ihrer Eigenschaft als Vorsitzender des Landesverbandes der anhaltischen nationalliberalen Partei beehre ich mich — mit der Bitte um Weitergabe an die eventuell sonst zuständige Stelle — Ihnen folgendes mitznteilen:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.