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Im deutschen Reich · 1912-03-01 · Heft 3 (März 1912) · p. 129

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
18 (1912)
Issue
Heft 3 (März 1912)
Article
Wie Märchen entstehen
Date
1912-03-01
Page
129 (sequence 1)
Language
German
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Wie Märchen entstehen. 129 Wie Märchen entstehen. Von Rechtsanwalt l)r. Lohn-Dessau. Seitdem ich selbständig bin, stehe ich auf zwei Gebieten des öffentlichen Lebens mitten im Kampf: Las eine ist der Kampf für den entschiedenen Liberalismusdas andere der Kampf für Gleichberechtigung des Judentums. In beiden Schlachtreihen habe ich stets da gestandenwo der Kampf am heftigsten war, und in den engeren Verhältnissen des anhaltischen Liberalismus wie in den weiteren des deutschen Judentums haben über meine offene Stellungnahme für die Freiheit der Staatsbürger und die Gleichberechtigung der deutschen Juden niemals Zweifel bestanden. Da war es mir wie ein Märchen, als ich in den Tagen zwischen Hauptwahl und Stichwahl der jetzigen Reichstagswahlbewegung im „Berliner Tageblatt" las, daß ich mich für einen „antisemitischen Nationalliberalen" eingesetzt hätte. Wie konnte dieses Märchen entstehen?. Im anhaltischen Landtag von 1911 lief ich gegen die privilegierten Mandate der Junker als Redner der fortschrittlichen Partei Sturm. Als Revanche leistete sich der konservative Antisemit von Trotha einen heftigen Angriff auf die Iuden, zugleich um die Aufmerksamkeit von der eigentlichen Frage abzulenken. Bei der Bekämpfung des Herrn von Trotha sekundierten mir außer meinem Parteifreunde Art' l lediglich die anhaltischen Nationalliberalen durch den von ihrer Fraktion vorgefchickten Abgeordneten Pfarrer Baumecker, denselben, der jetzt im Wahlkreise Anhalt II ihr Reichtstagskandidat war. Baumecker sagte damals: „Ich habe im Namen meiner Freunde eine Erklärung in bezug auf die antisemitische Aeußerung des Herrn Abgeordneten von Trotha abzugeben. Ich gebe zu, daß er gereizt und zur Abwehr berechtigt war. Aber ich muß doch sagen, daß diese Abwehr eine direkte Beleidigung des Judentums in sich schloß; wurden doch der jüdischen Bevölkerung Dinge nachgesagt, die nicht verallgemeinert und der gesamten Judenschuft aufs Konto gesetzt werden dürfen. Für die Entwicklung des Judentums, das oftmals vom Antisemitismus in gehässiger Weise bekämpft wird, ist die Christenheit mit verantwortlich: die Schuld an den Auswüchsen liegt mit in den ehemaligen Bedrückungen der Juden. Wir können uns auch nicht dem verschließendaß die Iudenschaft in 'Rußland und Rumänien noch neuerdings in entsetzlicher Weise verfolgt, und dadurch der christliche Name geschändet worden ist. Wir können nur wünschen, daß auf seiten der Christen wie der Juden eine gegenseitige Verketzerung vermieden wird."

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