Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Article
- Wahlbetrachtungen
- Date
- 1912-03-01
- Page
- 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316817-2316820-2345821--22424-2345865- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wahlbetrachtungen. 125 nationalliberale Abgeordnete haben in den Städten btn Standpunkt der Gleichberechtigung allen Volksschichten gegenüber nicht nachdrücklich genug zu betonen gewußt, während andere für denselben Kandidaten auf dem Lande reisende Herren sich recht grober antisemitischer Witze schuldig gemacht haben. Im Wahlkreise Wiesbaden lassen sich derartige Manöver am krassesten Nachweisen. Man kann behaupten, daß vielfach die nationalliberale Partei da, wo sie in Konkurrenz mit den Linksliberalen getreten ist, ungescheut die Instinkte der Masse im Interesse der Agitation geweckt hat. Dazu haben sich dann noch die sogenannten „Rechtsparteien" mit großer Freude der Flugblätter des Herrn Fritsch bedient, die ja in bezug auf die Verdächtigung der Juden und insbesondere der jüdischen Religion das erdenkbar Möglichste geleistet haben. Run hat allerdings das bekannte Flugblatt des Eentral-Vereins Herrn Fritsch den Wind aus den Segeln genommen und die Herren sind ob dieses Flugblattes und seines in ihm verarbeiteten unbestreitbaren Tatsachen-Materials außerordentlich klein geworden. Immerhin zeigt aber die Verbreitung der Frilschschen Flugblätter, die doch in Millionen von Exemplaren überall, insbesondere in Landorten Eingang gefunden haben, wie große Summen die Parteien 'des sogenannten schwarzblauen Blocks gerade auf die Förderung des Judenhasses aufgewandt haben. Denn daß Herr Fritsch von diesen Seiten erhebliche Mittel für seine Flugblätter erhalten hat, ist anzunehmen. In der Verbreitung dieser Machwerke ist man recht skrupellos vorgegangen. Einzelne „Vertrauensleute" der sogenannten Hammer-Gemeinde haben höhere Beamte veranlassen wollen, in ihren Kreisen die Flugblätter zu verbreiten. In einem uns bekannt gewordenen Falle hat man sogar einen Schulrat einer großen Stadt sehr energisch aber ebenso erfolglos veranlassen wollen, sich für die Hammer-Flugblätter zu interessieren. Gegen die falschen Anschuldigungen, die in diesen Flugblättern in so großer Anzahl vorhanden sind, hat sich auch die auf sich haltende konservative Presse, die wie die Kreuzzeitung doch die „Auswüchse" des Antisemitismus immer bekämpft, nicht gewandt. Im Gegenteil, man hat sogar im „Reichsboten", wenn auch nur versteckt, die Behauptungen des Herrn Fritsch auszuschlachten versucht. Das Treiben des Herrn Fritsch wird ja vielleicht nicht mehr allzu lange währen, denn er wird sich voraussichtlich in nächster Zeit wiederum vor Gericht wegen Verlästerung der jüdischen Religion zu verantworten haben. Alle nur denkbaren antisemitischen Angriffe machten sich die Agrarier zu eigen, die in der Wahlagitation mehr als alle anderen gegen die Juden hetzten. Die „Deutsche Tageszeitung", das bekannte Organ -