Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Article
- Wahlbetrachtungen
- Date
- 1912-03-01
- Page
- 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316817-2316820-2345821--22422-2345863- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wahlbetrachtungen. 123 ursprünglich annahm. Infolgedessen hat man den Antisemitismus immer so lange zurückgestellt und ihn sogar abgestritten, als man ihn nicht zu brauchen meinte. So wenig nun den Juden im allgemeinen an der Sympathie oder der Gegnerschaft einzelner Agitatoren an sich zu liegen braucht, da sie gewiß alles andere eher als die Stimmung des deutschen Volkes wiedergeben, so sehr muß auf der anderen Seite vor allen Dingen mit den Wirkungen gerechnet werden, welche die gegen Juden gerichtete Wahlmache auslöst. Diese Wirkungen sind meist wirtschaftlicher Natur. Wenn man immer und immer wieder versucht, durch Verquickung der jüdischen Bevölkerung mit dem Großkapital gegen die Juden wirtschaftlich Stellung zu nehmen, so hat diese Methode der Brunnenvergiftung den einen Erfolg, daß die mittlere Schicht des Judentums, zu der auch die überwiegende Anzahl der Aerzte und Anwälte' gehört, immer mehr wirtschaftlich geschädigt wird. Die letzten Wahlen haben gerade nach dieser Beziehung hin zu recht traurigen Betrachtungen Anlaß gegeben. Die Auffassung, daß man den Antisemitismus heranziehen muß, um das leck gewordene Parteischiff wieder instandzusetzen, hat zwar eine etwas naive, aber doch immerhin bezeichnende Beleuchtung in einem Aufsatz der Sensburger Zeitung vom 3. Februar 1912 erhalten, der von dem bekannten Herrenhaus-Mitgliede Grafen Mirbach-Sorquitten verfaßt ist. Graf Mirbach sagt: „Die Agitation des Hansabundes wird ferner zur Folge haben müssen: die denkbar größte Verschärfung der Gegensätze der liberalen und der konservativen Parteien, wie ich sie hier im Osten bereits erlebt habe, bis zur vollständigen gesellschaftlichen Scheidung und bis zur vollständigen Scheidung auf allen wirtschaftlichen Gebieten; endlich eine scharfe Wiederbelebung der antisemitischen Bewegung, die doch nicht gerade erfreulich ist." Herr von Mirbach hat leider Recht. In erster Reihe hat das Zentrum seinen im großen und ganzen früher doch immer festgehaltenen Standpunkt, welcher die Iudenhetze durchaus verworfen hat, in vieler Beziehung aufgegeben. Wir sind nicht etwa so ungerecht, um nunmehr die ganze Zentrumspartei für die Aeußerungen Einzelner verantwortlich zu machen. Aber immerhin ist doch die Anzahl derjenige Agitatoren, die innerhalb der Partei eine gewichtige Stellung einnehmen und dort gegen das Judentum unbegründete Behauptungen aufgestellt und Drohungen ausgestoßen haben, außerordentlich groß. Was soll man dazu sagen, wenn ein Mann wie der Amtsrichter Dietz in Heidelberg in einer Zentrumsversammlung folgendes ausführt: „Wäre es nicht angebrachter, das deutsche Volk würde, statt gegen den einge-