Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1912-03-01 · Heft 3 (März 1912) · p. 122

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
18 (1912)
Issue
Heft 3 (März 1912)
Article
Wahlbetrachtungen
Date
1912-03-01
Page
122 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2316602-2316817-2316820-2345821--22421-2345862
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

122 Im deutschen Reich. es natürlich, daß, gleichviel ob gerade diesen Parteien der Sieg zuteil wird oder nicht, tiefe Verbitterung innerhalb der Bevölkerung entstehen muß. Darum ist zu einer nüchternen Beurteilung des Wahlresultates der Inhalt dieser Agitation von einer wesentlichen Bedeutung. Dabei darf man nicht übersehen, daß speziell für unsere Interessen die Zusammensetzung Der Landtage weit wichtiger als die des Reichstages ist. Ferner muß zur Beurteilung eines Wahlresultates auch geprüft werden, ob und inwieweit die Stellungnahme der politischen Parteien zu den uns interessierenden Fragen durch die Wahl als solche beeinflußt ist. Wenn erkannt werden muß, daß der letzte Wahlkampf denjenigen Elementen der rechtsstehenden Parteien zum Aebergewicht verholfen hat, welche in jüdischen Fragen die sogenannte scharfe Tonart vertreten, so muß auch dieser Umstand die Gesamtbeurteilung beeinflussen. Mit der Prüfung der Frage, in welchem Maße die den Antisemitismus parteimäßig vertretende Wirtschaftliche Bereinigung aus dem Wahlkampfe geschädigt h-ervorgeht, ist somit das letzte Wort von unserem Standpunkte aus nicht gesprochen. Darum kann man auch die in vielen jüdischen Kreisen herrschende Zufriedenheit über das Ergebnis der Wahlen nicht ohne weiteres teilen, und der Central-Verein, der gewiß nach jeder Richtung hin bemüht war, die ihm anvertrauten gerechten Interessen im Wahlkampfe zu wahren, würde sich einer durch^- aus unangebrachten Selbstzufriedenheit hingeben, wenn er ein Frohlocken über die Niederlage der Judengegner anheben wollte. Daß dem Antisemitismus parteibildende Kraft fehlt, ist zweifellos richtig. Pfeffer allein kann man auch nicht essen; doch zur Beeinflussung des Geschmackes und namentlich zur Milderung mancher ungünstiger Eigenschaften vieler Speisen wird er gern benutzt. So ist der Antisemitismus auch als Beisatz und als Mittel, um unpopulär gewordenen Parteien den Wind in die Segel zu treiben, immer beliebt gewesen und wird es voraussichtlich noch lange bleiben. Dies aus dem Gründe, weil durch die jahrhundertelangen Judenverfolgungen in weiten Volkskreisen noch das Gefühl verbreitet ist, daß man dem Juden gegenüber ruhig sein Mütchen kühlen könne. Nicht als ob etwa die Aeberzeugung vorhanden wäre, der Jude sei wirklich minderwertig und der Judenhaß berechtigt. Daß dies nicht der Fall ist, kann man schon aus dem Vorgehen der eigentlich antisemitischen Parteien ersehen. Denn sie wissen zwar ganz genau, daß der Antisemitismus ein gutes Einschläferungsmittel ist, das dem verabreichenden Arzte zunächst zur Ehre gereicht, daß aber nach dem Erwachen des Patienten eine starke Reaktion eintritt, welche die Verordnung doch in einem sehr viel zweifelhafteren Lichte erscheinen läßt, als man

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.