Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1912-02-01
- Page
- 86 (sequence 9)
- Language
- German
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36 Im deutschen Reich. sei; es sei auch nicht konfessionell. Das Zentrum habe stets gegen das Schächtverbot gestimmt und wiederholt die Interessen der jüdischen Mitbürger vertreten. Das ist von den Juden stets dankbar anerkannt worden, daß, das Zentrum, wenn es den Schutz religöser Einrichtungen galt, nie versagt hat. lim so unangenehmer berührt es aber, daß, wenn die Frage der. vollständigen Gleichberechtigung neuerdings auf der Tagesordnung stand, die Verwirklichung der „lex Wiggers", an der Windthorst hervorragenden Anteil hatte, nicht mehr mit dem Eifer vertreten wurde, den einst Reichensperger, Mallinkrodt und Lieber für das Recht der Minoritäten entwickelt haben. Als Entschuldigung hierfür wurden einzelne publizistische Leistungerl von Schriftstellern angegeben, die nie Juden waren oder die längst aus dem Judentum ausgeschieden sind. Aber die Führer des Zentrums haben doch selbst die anerkannten Organe ihrer Partei, die sicher unter ihrem Einflüsse stehen, nicht zu hindern vermocht, beständig gegen Juden und Judentum in antisemitischer Art zu eifern. So hat die „Germania" die heftigsten Angriffe auf das Christentum, die von arischen Wotansanbetern ausgingen, also von fanatischen Antisemiten, nicht anders zu bekämpfen gesucht, als dadurch, daß sie dies auf die Einwirkung des „semitischen Elements" künstlich zurückzuführen versuchte. Was einzelne klerikale Provinzblätter wahrend des Wahlkampfes im Antisemitismus geleistet haben, war geradezu haarsträubend. Nur ein Beispiel: „Der Koblenzer Volksfreund" veröffentlicht folgende Briefkastennotiz: „Herr %. unb andere. Hoffentlich haben mit Ihnen auch recht viele andere den Iudentrick bemerkt. Es wird viel Anheil verhütet und dem christlichen Gewerbe geholfen, wenn der Spruch stets beachtet wird: „Ob Moses, Abraham, Mayer oder Stern, von Juden halte mich immer fern." Das ist doch sicher des Zentrums unwürdig, das weder intolerant noch konfessionell sein will. Wir erwarten, daß es künftig diesen Willen bekunde-n und gegen die Juden nicht tolerant, sondern gerecht sein wird. Die Stürme, welche die diesmalige Reichstagswahlagitation entfesselt hat, haben den Horizont geklärt und werden voraussichtlich für die Juden in Deutschland die wohltätige Folge haben, daß ihre christlichen Mitbürger die Aeberzeugung gewinnen, die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens bilden keine konfessionelle pavtei; sie sind weit davon entfernt, Religion und Politik zu der-