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Im deutschen Reich · 1912-02-01 · Heft 2 (Februar 1912) · p. 73

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
18 (1912)
Issue
Heft 2 (Februar 1912)
Article
Vor hundert Jahren
Date
1912-02-01
Page
73 (sequence 6)
Language
German
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Vor hundert Jahren. andere noch in geistiger Nacht dahinlebten. Zu jeder Zeit haben jene Schulen bestanden, die es den Juden ermöglichten, zum Staunen der Mitlebenden sich in kurzer Zeit auch in die Tiefen des neuen geistigen Lebens zu versenken. Neben den Talmudschulen bestanden auch Hochschulen wie in Frankfurt, für welche die größten Gelehrten ihrer Zeit als Lehrer gewonnen wurden, zu denen wissensdurstige Schüler von nah und fern wallfahrteten. Infolge der Leibniz-Wolffschen Aufklärungsphilosophie hatten schon in der Vor-Mendelsfohnschen Zeit Juden angefangen, sich aus Einseitigkeit und geistiger Starrheit zu befreien, was manche Führer für den Bestand der jüdischen Religion fürchten und sogar Maßregeln gegen solche Neuerungen ergreifen ließ, wenn die nach Bildung Hungrigen nur an Stelle ihrer eigentümlichen Sprechweise dir deutsche Sprache setztn. Trotzdem fand allmählich die Mendelssohnsche Bibelübersetzung im Frankfurter Ghetto Eingang und mit der Zeit ließen die Wohlhabenden unter den Frankfurter Juden ihre Kinder neben dem Talmud auch im „Deutschen Schreiben und Lesen informieren". Damals hatte schon durch den Einfluß der Pietisten (wie Sperrer und Franke) eine Annäherung zwischen Juden und Christen sich vollzogen, so daß letztere ihren jüdischen Mitbürgern in ihrem Streben nach weltlicher Bildung entgegenkamen. Diese Beziehungen wurden noch reger in der Zeit, welche die Zeitgenossen mit der Idee der allgemeinen Menschenliebe erfüllt. So war eine von 11 Hausvätern an den Senior Ministern Hufnagel im Jahre 1784 gerichtete Bitte um Bezeichnung eines Lehrers für die Unterweisung ihrer Kinder im Deutschen, Französischen, Rechnen und Schreiben trotz dem Widerstreben der orthodoxen Richtung von Erfolg gekrönt. In der nächsten Zeit fanden diese Bestrebungen durch Männer wie den Konrektor Mosche, den Mag. Klitscher und dessen Nachfolger in der Leitung der neuen Musterschule, Br. Grüner, ferner .durch Fr. Ehr. Schlosser, Karl Ritter, Br. Molitor u. a. weitgehendste Unterstützung. Ämter den jüdischen Vorkämpfern dieser Bewegung sind Männer, wie Jacob Süskind Stern, der Kantschüler Br. med. Goldschmidt und sein Kollege Br. Seligmann Joseph Oppenheim, sowie der Mathematiker Abr. Crailsheim, zu nennen; von letzterem ließ sich Karl Ritter, zu jener Zeit Hauslehrer im Bethmannschen Hause, in die höhere Mathematik einführen, während Br. Oppenheimer es unter dem Fürstprimas bis zur Würde eines Oberschul- und Studienrates brachte. Auf Anregung solcher vorbildlich wirkender Männer entstanden jüdische Lesegesellschaften, deren eine 1801 schon mehr als 100 Mitglieder zählte, die sich der Pflege der deutschen Klassiker widmeten; auch veranlaßten sie die Aufnahme einer großen Zahl

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