Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Article
- Vor hundert Jahren
- Date
- 1912-02-01
- Page
- 72 (sequence 5)
- Language
- German
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72 Im deutschen Reich. den Anforderungen der fortgeschrittenen Pädagogik. Geblieben war dagegen das jährliche Schutzgeld (22 000 Gulden), die Beschränkung der Zahl der Anden selbst (auf 300) und der Eheschließungen usw.; auch konnten sie nicht das Bürgerrecht erwerben. Erst als infolge der Begründung des Rheinbundes Frankfurt mit weiter Amgebung zum Großherzogtum erhoben und dem bisherigen Fürstprimas Dalberg vielweitergehende Befugnisse erteilt wurden, erst nach Beseitigung des Rats und der bürgerlichen Kollegien war für die Frankfurter Juden der Weg zur Gleichberechtigung geebnet. Die Eingabe, welche die Ausdehnung des Gedankens von der unterschiedslosen Gleichheit aller Untertanen auch auf die Juden Frankfurts forderte, wurde vor allem infolge des eifrigen Eintretens des Frhrn. v. Eöersteins, vom Großherzog Karl I. günstig beschieden, und am 28. Dezember 1811 im Regierungsblatt des Großherzogtums Frankfurt verkündet. In den ersten Wochen des Jahres 1812 wurden demgemäß, 643 Juden in das Frankfurter Bürgerbuch eingetragen. Trotz dem berechtigten Gefühle des Dankes, das die durch den fremden Machthaber aus Jahrhunderte langer Erniedrigung erlösten Juden Frankfurts diesem naturgemäß enLgegenbrachten, blieben sie allzeit getreue Bürger ihrer teuren Vaterstadt und opferfreudige Kinder ihres großen Vaterlandes. Sie bewährten in dem folgenden Jahrhundert, allen Anfeindungen trotzend, die Wahrheit des Wortes: „Allzeit gut Frankfurtisch und gut deutsch!" . > Hierauf führte Herr Direktor Dt. A d ler ungefähr folgendes aus über die geistige und soziale Lage der Frankfurter Juden bis zum Jahre 1811: Als vor 100 Fahren das Großherzoglich-Frankfurtische Regierungsblatt die Emanzipation der jüdischen Bewohner unserer Stadt verkündete, erfüllte unbeschreibliche Freude die jüdischen Häuser. Befreit aus mehr als tausendjähriger Erniedrigung,- konnten die Frankfurter Juden von nun an ihre Kräfte nach allen Richtungen entwickeln. Da galt es in erster Reihe, nach Erlangung der äußerem Freiheit die innere Emanzipation durchzuführen. Die Juden, die vor jener finsteren Zeit an dem geistigen Leben Ihrer christlichen Mitbürger teilgenommen hatten, waren seitdem Jahrhunderte hindurch zur Befriedigung ihres geistigen Strebens auf das Talmnd-Studium beschränkt geblieben. Aber gerade das Versenken in diese Aeberlieferung bewahrte den äußerlich Geknechteten jenen idealen jSinn, per sie als innerlich freie Menschen nach höherer Bildung streben ließ zu einer Zeit, wo viele