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Im deutschen Reich · 1912-02-01 · Heft 2 (Februar 1912) · p. 74

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
18 (1912)
Issue
Heft 2 (Februar 1912)
Article
Vor hundert Jahren
Date
1912-02-01
Page
74 (sequence 7)
Language
German
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74 deutschen Reich. jüdischer Kinder in die 1803 eröffnete Musterschule sowie in private MädcheninstituLe. In diese Zeit fällt die Tätigkeit des unvergeßlichen Begründers des P h i l a rpt h r o p i n s, Siegmund Geisenheimer, der zuerst selbst armen jüdischen Kindern Privatunterricht erteilte, dann in einer Lesegesellschaft Geld sammelte, um den geistig begabten unter diesen armen Kindern die Aufnahme in eine öffentliche Schule zu verschaffen. Fm Jahre 1804 gelang es ihm, das „jüdische Philanthropin" für alle jüdischen Kinder zu gründen, dadurch, daß, er die Teilnahme aller wohlhabenden Kreise der Stadt für seine Bestrebungen zu erregen wußte. Dieses schlichten Kaufmanns ist ebenso wie der beiden ersten Leiter des Philanthropins, Dr. M. Heß, und des christlichen Philosophen Dr. Molitor, in dankbarer Erinnerung vor 7 Jahren bei der Jahrhundertfeier des Philantropins in Schrift und Wort gedacht worden. Aber das, was diese Männer ins Leben riefen, hätte sich nicht in so segensreicher Weise entwickeln können, wenn nicht der seit dem 6. September 1806 zuerst als Fürstprimas, später als Großherzog von Frankfurt herrschende Reichskanzler Karl v. Dalberg (ein in den Ideen der Aufklärungszeit lebender und wirkender Kirchenfürst), ihnen seine mächtige Gunst zugrwandt hätte. Wie er überhaupt für wohlgeordnete Lehranstalten eintrat, lag ihm auch die Fürsorge für die Bildung der „hebräischen Ration" am Herzen, „die darin sehr vernachlässigt war". In diesem Sinne förderte er das Philanthropin durch größere jährliche Gaben und verfolgte seine Entwicklung mit Aufmerksamkeit, wobei er in dem Geh. Staatsrat v. Eberstein einen eifrigen Helfer fand. So wuchsen hier Männer und Frauen heran, getränkt von dem Geiste Goethes, Schillers und Wilhelm v. Humboldts, erfüllt von dem ihnen so lange mißgönnten stolzen Bewußtsein, dieses Land wieder, wie die Ahnen, als ihr Vaterland betrachten zu dürfen. Aus dieser Gesinnung heraus faßten damals die Vorsteher des jüdischen Philanthropins den Beschluß, die Bezeichnung „jüdisch" zu streichen und dadurch die Wohltaten der Schule, ihrem Namen entsprechend, allen Kindern ohne Unterschied des Glaubens zu gewähren. Diesen Charakter behielt die Schule auch bei, als sie 1813 von der jüdischen Gemeinde als öffentliche Bürger- und Realschule übernommen wurde — womit zugleich dokumentiert werden sollte, daß in dieser Anstalt der Unterricht nicht vom Standpunkt einer bestimmten Konfession heraus erteilt werde, sondern um nach den Vorschriften allgemeiner Menschenliebe im gemeinsamen Verkehr allr Konfessionen von Schüler und Lehrer, in gemeinsamer Arbeit für die gesamte Menschheit zu wirken.

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