Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Article
- Vor hundert Jahren
- Date
- 1912-02-01
- Page
- 70 (sequence 3)
- Language
- German
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70 Im deutschen Reich. Hauptkirche, wo sie bis dahin zum Teil gewohnt hatten, zu entfernen. Wie wenig wirklichen Schutz ihnen diese Absperrung bot, zeigte sich im Laufe der Jahrhunderte oft genug, am deutlichsten wohl zur Zeit des sog. Fettmilch,schen Aufstandes (1612—1615). Aach endlicher Niederwerfung durchs den Rat aus der ihnen zu dessen Beginn auferlegten Verbannung in ihr Ghetto zurückgeholt, kamen sie unter den Schutz des Kaisers, als dessen Wahrzeichen der kaiserliche Adler an den drei Eingangspforten der Iudengasse angenagelt wurde. In jener Zeit entstand die berüchtigte „Iudestättigkeit", die, ihr Verhalten nach außen, besonders im Verkehr mit der christlichen Bevölkerung regelnd, in den nächsten Jahrhunderten unheilvoll wirkte, ihnen sogar das Recht nahm, sich „Frankfurter Bürger" zu nennen und sonstige unwürdige Beschränkungen auferlegte. Doch behielten sie die Verwaltung ihrer eigenen" Angelegenheiten, zum teil auch völlig selbständige Gerichtsbarkeit. Allein unter dem Einfluß, dieser Iudenstättigkeit verwandelte sich sowohl der Charakter als das Aeußere der jüdischen Bevölkerung -zu ihren Angunsten. Die große Masse verlor jedes Interesse an den Dingen, die über den Kampf ums tägliche Brot hinausgingen, und einigen wenigen Familien gelang es, sich die fast unumschränkte Herrschaft im Ghetto zu sichern. Dies führte wieder zu mancherlei Unruhen, die das Eingreifen von Kaiser und Rat veranlaßten, u. a. zu den Kulp- Kamischen Wirren in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die sich fast durch ein Menschenalter hinzogen und die Frankfurter Iudenschast aufs tiefste erregten. So fand die Zeit der beginnenden Aufklärung die jüdische Bevölkerung Frankfurts in einem gegen früher verschlechterten Zustande, vor allem auch in ihrer zu einem abstoßenden Jargon gewordenen Sprache. Innerlich und äußerlich! gedemütigt, empfanden sie selbst kaum mehr die Schmach ihres Zustandes, als die Ideen der Aufklärungszeit an die Tore des Ghettos pochten, ja, die jüdische Geistlichkeit glaubte, jedem Eindringen geistigen Lichts als einer Gefahr für den Fortbestand des Judentums mit allen Mitteln wehren zu müssen. Ebensowenig war eine Aenderung zum Besseren von seiten ihrer christlichen Mitbürger zu erhoffen, da die dahinzielenden Bestrebungen einzelner vorurteilsfreien Männer, auch solcher im Rate der Stadt, durch die Rückständigkeit der die jüdische Konkurrenz fürchtenden bürger-- lichen Kollegien erfolglos bleiben mußten. Eine auf diese Zustände hinweisende Notiz findet sich in Goethes Tagebuch über einen Besuch seiner Vaterstadt in seiner „Schweizerreise". Da gaben die im Gefolge der französischen Revolution eintretenden Ereignisse den Anstoßzu einer Besserung. Die französischen Kugeln, welche im Juni 1796 einen großen Teil