Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Article
- Vor hundert Jahren
- Date
- 1912-02-01
- Page
- 69 (sequence 2)
- Language
- German
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Vor hindert Jahren. 69 Den Gemeinwesen zu Wersen, wie es die freie Reichsstadt Frankfurt a. M. gewesen ist. Dabei dürfte auch klar werden, daß die so viel verschrieenen Zeiten des dunklen Mittelalters an Humanität und Toleranz die späteren Jahrhunderte übertrafen, sowie auch, daß ohne das Drängen von Kaiser und Papst — trotz gelegentlicher Fürsorge für ihre „SHutzknechte" — die Bürger und der Rat der Städte mit ihren jüdischen Mitbürgern wenigstens -soweit sich in Frieden vertrugen, als nicht der vermeintliche Schutz ihrer materiellen Interessen in Frage kam. Einen Einblick in diese Zeiten bis zur Emanzipation der Frankfurter Juden — kurz vor dem gleichen Vorgänge in Preußen durch Hardenberg — gewähren zwei Reden, d ie bei der Emanzipationsfeier in Frankfurt a. M. am 20. Dezember v. I. in der Aula des Philanthropins gehalten wurden. Die Herren Br. S. Adler, Direktor des Philanthropins, und Professor Br. Kracauer, Oberlehrer an der gleichen Realschule der israel.pGemeinde, hatten sich in -der Weise in den Stoff geteilt, daß letzterer die geschichtliche Entwicklung der Juden von ihrer Riederlassung in der freien Reichsstadt bis zum Zeitpunkt des Eintritts der Emanzipation skizzierte, während Dir. Adler im besonderen die sozialen und geistigen Zustände unmittelbar vor und während dieser Zeit zum Gegenstand seiner Darstellung machte. — Der erste Redner bot einen Rückblick auf die Entstehung der jüdischen Gemeinde in Frankfurt a. M., ihr Verhältnis zu Kaiser und Rat und zu der christlichen Bevölkerung der späteren Wahl- und Krönungsstadt) schließlich auf die dem Emanzipationswerk sich entgegenstellenden Hemmnisse und deren Reöerwindung. Er zeigte, wie die erst um die Mitte des 12. Jahrhunderts dort angesiedelten Juden bis gegen Ende Des 15. Jahrhunderts, trotz manchen schweren Mißgeschicks — wie die Iudenschlacht von 1241, die Zeit des schwarzen Todes um 1349 — doch in vergleichsweise günstiger Lage mitten unter ihren christlichen Mitbürgern wohnten, denen sie auch rechtlich gleich-- gestellt waren. Erst das ausgehende Mittelalter brachte ihnen, ebenso wie den übrigen deutschen Juden, eine wesentliche Verschlechterung ihrer sozialen und rechtlichen Lage. Diese fand zunächst ihren äußeren Ausdruck in ihrer zwangsweisen liebersiedelung in ein in der „Neustadt" errichtetes Quartier, wo sie von 1462 .an abgesondert von Der übrigen Bevölkerung zwischen hohen. Mauern und Toren eingeschlossen leben mußten. Allerdings geschah dies unter dem Vorwände, sie seien so besser gegen die Roheiten des Pöbels geschützt, tatsächlich aber war es auf wiederholtes Drängen des dem Papst Pius II. gefügigen Kaisers Friedrich III. und nach langem Sträuben seitens des Rats der Stadt geschehen, um sie aus der Nähe der