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Im deutschen Reich · 1912-02-01 · Heft 2 (Februar 1912) · p. 67

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
18 (1912)
Issue
Heft 2 (Februar 1912)
Article
Die Religionsfreiheit und die Lage der deutschen Juden
Date
1912-02-01
Page
67 (sequence 3)
Language
German
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Die Religionsfreiheit xinb die Lage der deutschen Juden. 67 der Bestätigung von Dissidentenfür Remter der Selbstverwaltung, die Bedrückung freireligiöser Gemeinden aufs Tapet zu bringen, sowie dies Verhalten des „christlichen Staates", diese Praxis, „um dem Volke die Religion zu erhalten", in die Versammlungen hineingeworfen wurden, so hatten sie verloren, so standen sie da als Anhänger einer schlechten Sache, als Angeklagte. A.nd für alle Schwankenden und Anreifen war damit die Frage entschieden, sie mußten unrecht haben. Denn was kann eine Sache wert sein, die sich solcher Stützen bedient? Aber viel peinlicher noch wird die evangelische Kirche durch die Lage der Juden berührt. Ich stehe durchaus nicht auf dem Standpunkte, daß Juden, die zur christlichen Kirche übergehen, ein Makel anhafte.*) Ich habe Proselyten in die christliche Religion eingeführt, bei denen ich erleben und erfahren durfte, daß, was sie trieb, Aeberzeugung und inneres Verlangen nach voller Heimatberechtigung in der religiösen Welt war, aus der Luther und Bach, Kant und Goethe stammen. Wo solche Motive wirksam werden, haben wir sie zu achten und dienen ihnen gerne. Aber wer kennt die Fälle nicht, da jüdische Väter und Mütter kommen: Herr Pfarrer, mein Sohn möchte gern studieren,. und, um ihm Anannehmlichkeiten zu ersparen, möchten wir ihn taufen lassen. Oder jene Offiziere und. Regierungsbeamte: Ich habe mich mit einem jüdischen Mädchen verlobt, und Sie wissen, ich kann nicht Offizier bleiben, oder ich habe Schwierigkeit in meiner Karriere, wenn meine Braut sich nicht taufen läßt. Wozu dann oft genug noch die Bitte kommt, ihnen diesen Schritt nicht zu erschweren und die Sache so schnell wie möglich abzumachen. Besonders hart ist mir einmal der Fall einer jungen Oberlehrerin gewesen, deren ganzes Herz an ihrem Berufe hing und in dem Konflikt, entweder auf diesen Beruf verzichten zu müssen oder die Taufe anzunehmen, obgleich sie keine religiösen Bedürfnisse hatte, fast zerrieben wurde. Man denke doch, wie die evangelischen Geistlichen dann dastehen! Zwingt sie der Staat nicht, als reine Formsache und leere Zeremonie zu behandeln, was doch Aeberzeugung und ernster Entschluß sein sollte? Oder hätten sie die Freiheit, nein zu sagen? Sie Haben sie umden Preis einer ungeheuren menschlichen Härte; sie haben sie nur in der Theorie. Wie viele vornehmste adelige Familien, wie viele Offiziere und hohe Beamte müssen im stillen Gott danken, daß die Pfarrer bereit waren, die Taufe und den Aebertritt nicht ernst zu nehmen, nicht von der Aeberzeugung abhängig *) Gegen diese Anschauung des Herrn Verfassers haben wir uns bei einer früheren Gelegenheit schon entschieden wenden müssen. Die Redaktion.

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