Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Article
- Die Religionsfreiheit und die Lage der deutschen Juden
- Date
- 1912-02-01
- Page
- 66 (sequence 2)
- Language
- German
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66 Im deutschen Reich. bindenden religiösen Gemeinschaftslebens, mangels eines regelmäßigen Religionsunterrichts in volle Religionslosigkeit versinken. Seit Jahrzehnten schweben darüber Verhandlungen, ob sie jemals zum Ziele kommen? Aber was will diese Vernachlässigung besagen gegen den fortgesetzten religiösen Druck, dem die Juden persönlich ausgesetzt sind! Es Handelt sich um vierhunderttausend Personen, die zum guten Teile der Oberschicht angehören. Aber sie sehen ihre Söhne, die Lust und Begabung hätten, in den Staatsdienst zu treten, vor fast lauter verschlossenen Türen. Ihre Töchter gelten für unwürdig, einen Offizier oder Beamten oder gar einen Adeligen zu heiraten. Spräche sich hierin ein Arteil über die Anverträglichkeit germanischer und jüdischer Rasse aus, so würde darin wenigstens keine Verletzung der religiösen Gewissensfreiheit erblickt werden können. Aber es ist nicht so. Es ist nicht die Rasse, es ist die Religion, um derentw illen dieser Druck geübt wird. Den Beweis liefert die Taufe. An dem Tage, wo der christliche Taufschein präsentiert werden kann, öffnen sich alle bisher verschlossenen Türen, können Söhne alle Stufen der Beamtenlaufbahn erklimmen und den Rock des Offiziers anziehen, sind die Töchter würdig, Offizieren, Geheimräten und Grafen die Hand zu reichen, hindert nichts mehr, den Adelsbrief zu erlangen. Bedeutet das nicht, bag, der Staat die Juden zum Aebertritt einladet und verlockt? Geht dies die evangelische Kirche und ihre Diener nichts an? Selbst wenn sie sich auf den Standpunkt stellten: Da siehe du zu! — und Dissidenten und Juden sind ja wohl nicht so schwach und einflußlos, um nicht einmal eine Aenderung dieser Verhältnisse zu erzwingen, — sie werden wollend oder nicht wollend in diese Dinge hineingezerrt und für diese Praxis des Staates verantwortlich gemacht, ohne ausweichen zu können. Wir stehen noch unter dem Eindruck der regen Agitation, die Arthur Drews entfesselt hat, und die die Kreise der Freidenker und Freireligiösen aufgenommen haben. Da sind viele evangelische Geistliche in die Lage gekommen, in öffentlichen Versammlungen Rede zu stehen und mit den Leuten zu disputieren, die sich dieses Pfündlein zu eigen gemacht hatten und damit die Anverständigen und zu eigenem Arteil nicht Fähiger aushetzten. Run, wie pflegte denn die Sache zu laufen? War es nicht überall so, daß dem Kampf um die Christusmythe eben dies mit zündender Wirkung beigemischt wurde: die tausenderlei Erfahrungen gefesselter und gekränkter Gewissensfreiheit? Die Verteidiger des historischen Christentums mochten sagen, was sie wollten, mochten die besten sachlichen Gründe auf ihrer Seite haben, — sowie einer verstand, die Behandlung der Dissidentenkinder in der Schule, die Versagung