Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Article
- Die demokratische Grundlage des Central-Vereins
- Date
- 1912-01-01
- Page
- 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Im deutschen Reich. lichkeit auf der anderen Seite. Daneben ist die jüdische Bevölkerung gewöhnt, zuviel von der Leitung der jüdischen Organisationen zu erwarten, zu wenig selbst zu tun, und meistens nicht einzusehen, daß die Vereinigungen eine Stoßkraft nur durch die Masse erhalten können. Eine in vielen Orten stark verbreitete Neigung zur Selbstherrschaft unterdrückt jüngere und fähige Köpfe, um nicht das Geringste vom eigenen Einflüsse zu verlieren. Die Erfahrung lehrt, daß noch so berechtigte Klagen aus der jüdischen Bürgerschaft von solchen Leuten verächtlich „abgebügelt werden". So wird die Masse indifferent gehalten; fte zahlt bestenfalls ihre Gemeindesteuern und Vereinsbeiträge. Man kann froh sein, wenn sie sich im Herzen wenigstens eine gewisse Anhänglichkeit an das Judentum bewahrt hat. Die Folge dieses Zustandes ist, daß man sich vielfach als Jude nicht gern zu erkennen gibt und zurückschreckt, wenn in christlicher Gesellschaft das Wort Jude fällt. Man lehrt die Kinder, in jüdischen Dingen eine tunlichst wohlweise Zurückhaltung zu beachten, schickt sie statt in den jüdischen, in den christlichen Religionsunterricht und tragt so das Judentum nicht anders als ein von den Vätern ererbtes Joch. Eine gewisse Art Bourgeoisie an der Spitze des jüdisch-politischen Lebens predigt tagtäglich: nur das, was ruht, nicht in Bewegung bringen! And wenn die Agrarier in ihren Blättern und in ihren Vorträgen den Judenhaß gerade in der letzten Zeit so recht fett unterstreichen, so wissen sie, daß das ein Gebiet der Volksaufwieglung ist, bei dem sie bisher seitens der Betroffenen am wenigsten Reaktion zu erwarten hatten. Denn diejenigen Juden, die in den Städten leben und denen es „gut" geht, haben sich nicht darum gekümmert, was auf den Dörfern passiert. Als ob die Seuche aus den Dörfern nicht auch in die Städte überspringen kann! Darum können wir Juden nur dann etwas erreichen,, wenn wir die Massen unterrichten, sie von der Notwendigkeit des Kampfes überzeugen, ihr Interesse an der Sache wecken und die Einzel- Persönlichkeiten zu Mitkämpfern stemp el n. Ferner muß im Gegensatz zu jeder Politik, bei der wenige alles machen und machen wollen, eine Politik getrieben werden, an der die Wenge interessiert und beteiligt ist, d. h. eine demokratische Politik. II. Wer mit Rücksicht auf die Gestaltung unseres jüdischen Lebens und der zu vertretenden Interessen demokratische Politik treiben will, muß sich der großen Widerstände bewußt sein, die namentlich in der Scheu mancher Leute vor der O eff ent - lichkeit liegen. Noch heute stoßen sich sehr viele daran, daß