Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1911)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1911-12-01
- Page
- 678 (sequence 5)
- Language
- German
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678 Im deutschen Reich. Versuch scheitern ließ, so wird hoffentlich der jetzige Versuch der Antisemiten, den Thronfolger als einen der ihrigen in Anspruch zu nehmen, scheitern. Bei den Reichstagsdebatten hat es sich aöer gezeigt, daß die Geduld der Reichsregierung mit dem Treiben der Konservativen endlich erschöpft ist. Die Art, wie der Führer der Konservativen den Kanzler abzukanzeln wagte, um die herrschende Stellung der Konservativen zu markieren, hat den Reichskanzler veranlaßt, Herrn von Hehdebrand eine mit einem nationalen Gewissen unvereinbare Schmähung der eigenen Regierung vorzuwerfen, um Parteiinteressen zu dienen, die das deutsche Volk schädigen. Ob diesen Worten Taten folgen werden, ist unsicher, da die zurechtgewiesenen Konservativen bereits wieder eingelenkt haben. Wenn die Staatsregierung bei den Reichstagswahlen in richtiger Erkenntnis der Stimmung im Volke jede Beeinflussung der Wahlen unterläßt und streng daraus hält, daß der Landrats-Apparat nicht dieser „Fronde" zu Erfolgen verhilst, dann wird ein neuer frischer Frühlingssturm durch das Deutsche Reich gehen. Die Macht der antisemitischen Konservativen zerfällt, wenn ihnen die Regierung nicht ihre Organe als Stützen zur Verfügung stellt. Der Reichskanzler hat mit der Stellungnahme gegen den konservativen „Willen zur Macht" zum ersten Male Beifall von der Linken des Reichstages geerntet. Die Politik der verpaßten Gelegenheiten würde man aber jetzt den deutschen Bürgern vorwerfen können, wenn sie nicht bei den Reichstagswahlen bis auf den letzten Mann ihrer Wahlpflicht genügen und nicht dieselbe Opferfreudigkeit beweisen würden wie die Agrarier, die für Wahlzwecke immer eine ofsene Hand zeigen. Bei Besprechung des Wahlaufrufs der „Fortschrittlichen Volkspartei", in dem die Verwirklichung der Gleichberechtigung aller Staatsbürger betont wird, sagt das Zentrumsorgan „Germania" ironisch: „Die „deutschen Staatsbürger jüdischen Bekenntnisses" werden diesen Satz schon verstehen. Sie haben zwar seit 18.69 gesetzlich auch die Gleichberechtigung für alle Aemter und Würden, aber sie möchten doch gern die Gleichberechtigung auch „verwirklicht" sehen durch Berufung in die höchsten Aemter beim Zivil und Militär.