Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1911-11-01 · Heft 11 (November 1911) · p. 627

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
17 (1911)
Issue
Heft 11 (November 1911)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1911-11-01
Page
627 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2316602-2316804-2316815--22047-2345409
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Umschau. 627 wartende Wahlniederlage mit beu Worten: „Der letzte Erfolg wird nie tn den Parlamenten errungen." Das ist vielleicht richtig, bestimmt richtig ist aber der umgekehrte Satz: „Der erste Erfolg muß in der Volksvertretung errungen werden." Dort ist Rhodus; dort heißt es, sich sprungbereit machen! Es wäre der größte Fehler, wollten die Juden sich infolge des Mißgeschicks der antisemitischen Partei in Sicherheit wiegen oder etwa annehmen, daß der neue Führer der „Deutsch-Sozialen", Amtsgerichtsrat Lattmann, eine minder gefährliche Kampfweise einführen werde. Notgedrungen wird er sich den radikalen Antisemiten vorn Schlage Bruhns nähern. Das Organ seiner Partei, die „Deutsch-Sozialen Blätter", hat die Liebermannsche Tonart nicht gciinbart; es sucht zunächst den Konservativen eine freie Bahn für seine Mandanten abzutrotzen und hat den Juden gegenüber erst neuerdings in einem „Glaube und Heimat" überschriebenen Artikel eine Sprache geführt, die sich wenig von den Hetzreden Pücklers unterscheidet. Am Schluß des Artikels ist der Versuch gemacht, die Massen durch die widersinnige Behauptung aufzureizen, die Macht der Juden sei fast auf dem Gipfel angelangt; dann heißt es wörtlich: „Solche Zustände schreien doch geradezu nach einer gründlichen Umkehr, nach einer Erlösung aus dieser teuflischen Zwingherrschast. Vor 100 Jahren fiel die Leibeigenschaft, vor einem halben Jahrhundert die Sklaverei der Schwarzen. Wann werden endlich die goldenen, aber viel unerträglicheren Fesseln gelöst, in denen der Deutsche sich vor den Füßen des fremden Tyrannen windet! Auch für uns wird einmal der Tag der Abrechnung kommen!" Ist dies auch Wahnsinn, hat es doch Methode! Eine solche Verhetzung ist widersinnig gegenüber einer Bevölkerungsminderheit, die nicht einmal eine völlige Gleichberechtigung erzielen kann; sie verdient aber die Bezeichnung „teuflisch", weil sie darauf berechnet ist, die Dummen, die nicht alle werden, in Pogromstinrmung zu versetzen. Es wäre wirklich zu wünschen, daß in einem Rechtsftaate für solche Aufwiegler bald der Tag der A b re ch n u n g k ä m e. Noch scheint dieser Tag fern, denn wenn auch die antisemitischen Fraktionen nicht mehr viel von den Konservativen zu hoffen haben, ist deshalb von den letzteren nicht eine Absage an den Antisemitismus zu erwarten, eher Versuche,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.