Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1911-11-01 · Heft 11 (November 1911) · p. 614

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
17 (1911)
Issue
Heft 11 (November 1911)
Article
Die Juden und das Wirtschaftsleben
Date
1911-11-01
Page
614 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2316602-2316804-2316815-2345325--22030-2345396
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

614 Im deutschen Reich. Welche volkswirtschaftlichen Momente spielen nun bei der Aenderung des Judenschicksals eine Rolle? Die Juden mußten, immer, um sich als Zugewanderte den zahlreichen Einheimischen gegenüber zu halten, die größten wirtschaftlichen Anstrengungen machen; am besten gelang es da, wo sie eine wirtschaftliche Lücke ausfüllten, wo man also ihrer besonders bedurfte. War das letztere nicht mehr der Fall, dann konnten sie gehen. Ihre Arbeit war getan. Die Kreuzzüge hatten die Erwerbsverhältnisse des Mittelalters von Grund aus verändert. Durch die Verbindung mit Italien, dem Orient, war ein heimischer nationaler Handelsstand entstanden. Die Juden waren überflüssig geworden. In der Schulgeschichte sehen die Dinge allerdings anders aus: dort heißen sie Glaubenskampf, Ketzervertreibung, Ketzermord. Es beginnt die Zeit des größten Elends — „Israel in seiner Knechtsgestalt". — Die Juden wurden auf den Wucher, auf die Geldleihe hingedrängt. Zwar wurde das Zinsnehmen für ehrlos erklärt, die christliche Kirche verbot es ihren Anhängern, aber den Juden war es gestattet. Sie durften recht hohe Zinsen nehmen, und sie taten das — bei dem großen Risiko, dem sie ausgesetzt waren. Es konnte geschehen, daß eines schönen Tages Kapital und Zinsen für eingezogen erklärt wurden. Alle ehrbaren Berufe waren ihnen verschlossen. — Sombart hält das Schicksal des jüdischen Volkes — Ghetto, Bedrückung, Berufsausschließung — für belanglos bei der Herausbildung kapitalistischen Geistes, für ihn gibt es nur Vererbung bei „Konstanz der jüdischen Eigenart". Das Ghetto — der räumliche Zusammenschluß — sei auch da vorhanden gewesen, wo es nicht auf Zwang beruhte, wie in Holland und'England. Ferner weist er darauf hin, daß Versuche, die Juden in andere Berufe als kaufmännische überzuführen (in England unter Eduard I., in Posen im 18. Jahrhundert) gescheitert seien. Gewiß ist es richtig, daß das Ghetto am Anfang der jüdischen Diaspora ein freiwilliges war, so wie es beispielsweise noch heute ein solches in New Jork ist. Die Gründe hierfür aber können doch nicht so einseitig im Sinne Sombarts aufgefaßt werden. Es ist schon am Anfang dieser Ausführungen darauf .hingewiesen worden, daß Widerstände seitens der Umwelt bei Gruppen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.