Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Article
- Die Juden und das Wirtschaftsleben
- Date
- 1911-11-01
- Page
- 612 (sequence 5)
- Language
- German
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612 Im deutschen Reich. Charakterzähigkeit, vererbt worden sind, und daran darf, sich die Frage knüpfen: was hat das Schicksal daraus gemacht? Wie wirkten Zeit und Ort auf die Erbschaft ein? — Um der Beantwortung der Frage näher zu kornmen, muß man einen streifenden Blick auf die jüdische Geschichte werfen. Die Juden waren in der klassischen Zeit ihrer Geschichte ein ackerbautreibendes und kriegerisches Volk, ein im höchsten Maße beachtenswerter Gegner Roms. Wenn auch für diese Zeit Dokumente gelegentlich vorgekommener Geldleihen sich vorfinden sollten, so braucht man darum an dem eben ausgesprochenen Urteil keineswegs etwas zu andern. Der Handel wurde von fremden phönizischen und ägyptischen Kaufleuten betrieben. Nach der Zerstörung des Tempels finden wir die Juden in der Diaspora. In Gruppen treten sie auf und müssen sieauftreten. In Gruppen überwinden sich Widerstände leichter. Wie bilden sich nun die-gegenseitigen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Einheimischen und Zugewanderten aus? Doch nicht friedlich, schiedlich und gemütlich! Wer nicht mit Kinderaugen die Welt betrachtet, weiß, daß der wirtschaftliche Kampf der Individuen im Kerne mit nicht geringerer Schürfe — nur in anderer Form — geführt wird als der Existenzkampf der Völker: das, was droht, ist da ein langsames Hinsiechen und dort ein schneller Tod. Man darf füglich' zweifeln, was vorzuziehen sei. Was. ist der letzte überall wirkende Grund jener Schärfe im Wirtschaftskampse, jener fürchterlichen Erbitterung, die nur mehr oder weniger äußerlich verdeckt ist? Zur Antwort ein Gleichnis : Die Güter dieser Erde denke man sich zusammengefaßt in eine warme schützende Decke, unter der sich die fröstelnden Menschenkinder mit ihren Bedürfnissen und Wünschen wohlig zu strecken suchen. Aber die Decke ist zu kurz und der Menschen zu viele. Suchen die einen an jener Ecke sich warm zuzudecken, dann werden die anderen drüben entblößt. Man friert und zerrt! So zerren Einzelne, Gruppen, Völker! Jeder zerrt nach seiner Kraft, der Stärkste am erfolgreichsten. Daraus kann man ein Weltgesetz ableiten, das in die einfachen Worte formuliert werden kann: Majorität unterdrückt Minorität! Vorausgesetzt natürlich, daß Majorität die Kraft dazu hat. Wo diese Kraft fehlt — durch kulturellen Tiefstand —7 gelingt es der kulturell