Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Article
- Die Berufswahl der jüdischen Jugend
- Date
- 1911-11-01
- Page
- 605 (sequence 13)
- Language
- German
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Die Berufswahl der jüdischen Jugend. 605 Judentum in den letzten Jahrzehnten auf anderen Gebieten erfolgreich bewiesen hat, eher geweckt werden, wenn man sich mehr über die traurigen Folgen klar wäre, die für den einzelnen, wie für die Gesamtheit sich aus einer fast systematisch in falsche Bahnen geleiteten Berufswahl ergeben haben und ergeben müssen. Am schlimmsten ist es natürlich in erster Reihe für die jungen Menschen selber; denn der Unrechte Weg bringt es mit sich, daß, wie bereits ausgeführt, die wirkliche Befähigung nicht entwickelt wird, daß sie sich quälen, keine Befriedigung und Lust im Berufe empfinden und häufig scheitern. Ernst sind aber auch die Folgen für die Gesamtheit. Der Ruf, der dem Judentum entsteht, wenn seine Söhne sich fast ausschließlich nach dem Kaufmannsstande und den freien akademischen Laufbahnen drängen, kann kein günstiger sein, da dies die Wege sind, welche hauptsächlich bei dem Streben nach Geld und äußerer Ehre in Betracht kommen. Der jüdische Idealismus, dessen wir uns sonst so rühmen und der auch sicherlich ein altes, kostbares Erbteil unserer Gemeinschaft darstellt, kommt auf diese Weise wahrlich zu keinem schönen Ausdruck, und was die große Welt anbetrifft, so ist die jüdische Berufsverteilung am allerwenigsten geeignet, sie von dem idealen Charakter des Judentums zu überzeugen. Hier ist die Quelle eines Antisemitismus, dem wir mit jedem Tage weniger energisch entgegentreten können, und bei dessen Bekämpfung, sofern die gegenwärtige Entwicklung fortschreitet, unser Gewissen schließlich ein schlechtes werden muß. Zudem ist es .klar, daß nicht nur äußerlich ein böser Schein von der jüdischen Lebensauffassung entstehen muß, sondern daß auch innerlich allmählich eine Umgestaltung des Charakters unserer Gemeinschaft eintreten wird, die den bei der Berufswahl bevorzugten Wegen entspricht. Und das ist die, allergrößte Gefahr! Schon heute kann man die unangenehmen Folgen dieses beginnenden Mangels an Idealismus feststellen. Es gibt manche Deute, die sich nicht, wie üblich, überschätzen, sondern künstlich unterschätzen, deren Begabung ihnen sehr wohl gestatten würde, auf zwar dornenreichem, aber .ehrenvollem- Wege die Wissenschaft zu bereichern und die doch ihren höheren, materiell weniger lohnenden Weg im Stich lassen und auf die breite Straße gehen, die .gutes Fortkommen und bequemes Leben verheißt.