Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Article
- Die Berufswahl der jüdischen Jugend
- Date
- 1911-11-01
- Page
- 604 (sequence 12)
- Language
- German
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604 Im deutschen Reich. anderen Weg gewählt hätten. Sie wären im Handwerk, das noch immer trotz des tagtäglich prophezeiten Unterganges seinen Mann nährt, oder in der Beamtenkarriere zu einem gesicherten Auskommen, zu einem ruhigen und zufriedenen Leben, auf ersterem Wege vielleicht sogar zu noch mehr gekommen. Man soll sich ja nicht über die Zahl der gescheiterten jüdischen Existenzen täuschen. Es gibt deren namentlich in der Großstadt eine weit größere Menge als man gemeinhin denkt, und das Elend im jüdischen Kausmannsstande wird dadurch .nicht geringer, weil das Schamgefühl des Juden so manchen dazu veranlaßt, die Wohlanständigkeit nach außen hin mit aller Kraft aufrecht zu erhalten. Ein jeder, der auf dem Gebiete der Wohltätigkeit zu arbeiten hat, kann von diesen Dingen ein Lied singen. Könnte man in die Seelen der Menschen schauen, so würde man wissen, daß die Zahl der innerlich gescheiterten Existenzen noch weit größer ist und daß zumal unter unserem akademischen Nachwuchs viele des .Strebens ihrer Eltern, sie mit ungeheuren Kosten und Mühen durch Gymnasium und Universität zu pressen, nicht sonderlich dankbar, gedenken. Ein nicht kleiner Teil fühlt, daß er den von seinem Beruf an ihn gestellten Aufgaben nicht gewachsen ist, daß er demgemäß nichts Rechtes leisten kann, und er wäre sehr zufrieden, wenn ein freundliches Geschick ihn an eine Stelle gebracht hätte, wo er seine wirklichen Fähigkeiten hätte entwickeln und betätigen können. Diese begründete, innere Unzufriedenheit kommt bei feiner organisierten Menschen einem Scheitern auf der Lebensbahn völlig gleich. ( Wenn nun feststeht, ohne daß man den Einfluß und die Mitwirkung historischer Verhältnisse zu bestreiten braucht, daß an der beklagenswerten Berufsverteilung Faktoren die Schuld tragen, unter denen ungesunder Ehrgeiz und törichte Eitelkeit keine kleine Rolle spielen, so ergibt sich die Schlußfolgerung von selber. Diese Ursachen sind nicht so tief innerlicher Natur, daß sie sich nicht bekämpfen ließen, und nur darum ist es verlohnend, sich die Gegenwart mit allen ihren traurigen Folgen deutlich vor Augen zu führen, weil wir, sobald das Uebel erkannt ist, uns Erscheinungen gegenübergestellt sehen, die sich mit einigem, guten Willen ändern lassen. Vielleicht würde dieser gute Wille, den das deutsche