Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Article
- Die Berufswahl der jüdischen Jugend
- Date
- 1911-11-01
- Page
- 602 (sequence 10)
- Language
- German
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602 Im deutschen Reich. Es würde, wie bereits erwähnt, dem jüdischen Geiste widersprechen, wollte man des armen Mannes Sohn zurücksetzen, seine Begabung unterdrücken und ihn auf einen seinen Fähigkeiten unangemessenen Lebensweg führen. Aber ein doppeltes steht fest. Zunächst ist es mit der vielgerühmten Begabung jüdischer Schüler, besonders in der Großstadt, nicht so weit her, wie man meist vermeint. Es gab gewiß in früheren Zeiten eine ausnehmend große Menge glänzender jüdischer Gymnasiasten, schon darum, weil man nur die begabten Kinder den höheren Schulen zuführte. Aus Gründen, die hier nicht ausführlich besprochen werden können, die vornehmlich in dem immer mehr p lutokratisch werdenden Zuschnitt des modernen jüdischen Lebens und den daraus entspringenden Folgen liegen, geht aber diese Zahl im Verhältnis ganz rapide zurück, was jeder jüdische und christliche Lehrer bestätigen wird. Man kann fast den Satz wagen, daß der gute jüdische Schüler heute Henau so zu den Ausnahmen gehört, wie früher der s ch lecht e. Ferner aber ist die Wahrnehmung zu machen, wie selten man jüdische Eltern davon überzeugen kann, daß ihre Sprößlinge nicht ihrer Begabung nach zu dem höchsten berufen sind. Wenn die schlechten Schulergebnisse zur Genüge erweisen, daß dem Schüler geistige 'Beschäftigung und Wissenschaft eine Qual find und er demgemäß zurückbleibt, so werden ungebildete Eltern häufig — auch wenn sie es nicht offen aussprechen — den vermeintlichen Antisemitismus für den Mißerfolg verantwortlich zu machen. Gebildetere pflegen dagegen moderne Theorien zu entwickeln, auf den höchst barbarischen und gleichmacherischen Zuschnitt des modernen Folterinstruments, das beschönigend Schule genannt wird, hinzuweisen, um ihr die Schuld zu geben, weil sie auf das komplizierte und eigenartige, mimosenhaft empfindliche Seelenleben des betreffenden Kindes roher Weise keine Rücksicht nimmt. Sie trösten sich damit, daß die unterdrückte Begabung draußen im Leben schon im freien Spiel der Kräfte herrliche Früchte bringen werde, und in dieser frohen Zuversicht Pressen sie tue Jungen mit Nachhilfe und allen sonstigen Mitteln mit Ach und Krach durch das Ghrnnasium. Nun will es noch das Unglück, daß zuweilen Musterschüler im Leben völlig versagen, wohingegen solche, die sich m\v durch Faulheit und anscheinend auch Dummheit aus-