Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Article
- Die Berufswahl der jüdischen Jugend
- Date
- 1911-11-01
- Page
- 601 (sequence 9)
- Language
- German
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Die Berufswahl der jüdischeil Jugend. 601 berechtigung aller Mitglieder ausgebaut; bei uns verleiht die Geburt keinen besonderen Vorzug, bei uns gibt es keine bevorrechtigten : Kasten irgendwelcher Art, sondern dem Tüchtigen, dem Fleißigen und Befähigten, und stamme er aus den ärmsten oder den niedrigsten Kreisen, steht der Weg zu allem, was ein Jude überhaupt erreichen kann, offen. Und viele, viele tausende von Beispielen erweisen, daß bei uns diese schöne Einrichtung nicht nur auf dem Papier steht. Der große Fehler besteht dabei allerdings darin, daß viele unserer Glaubensgenossen, die ihre Kinder ins Leben senden wollen, des Wesentlichste übersehen. Diese erfreuliche, allgemeine Gleichheit der Juden erstreckt sich nämlich leider nicht auf die Fähigkeiten und geistigen Gaben, die sich in den Kindern entwickeln, und wenn auch jedem Juden der Weg frei und offen steht, so ist darum das Erreichen großer Ziele 'wahrhaftig nicht jedem gewährleistet. Nun stehen dem jüdischen Vater hervorragende Beispiele vor Augen, und sie vereinen sich mit der bei der geringen Kinderzahl begreiflichen, wenn auch meist falschen Ueberzeugung, daß sein Herzensjunge etwas ganz Besonderes an Fleiß, Genie und Tugend jei. Er sieht, wie der Sohn des kleinen Kultusbeamten einer Zwerggemeinde oder der Sohn eines blutarmen Hausierers ein weltberühmter Universitätsprofessor, ein hoher Richter, ein reicher Großindustrieller, ein einflußreicher Bankier geworden ist. Warum sollte seinem Sohne nicht genau dasselbe gelingen? Zu so hohen Zielen führen freilich nur die beiden breiten, alleinseligmachenden Straßen: der Kaufmannsberuf und das Studium der Jurisprudenz oder der Medizin! Wenn dann der Junge nur noch etwas Glück hat, kann es ihm nicht fehlen! Freilich stimmt in dieser alltäglichen Rechnung eine ganze Kleinigkeit nicht. Glück ist noch kein Ersatz für mangelnde Fähigkeiten, und genau so logisch würde man handeln, wenn man seinen Lebensweg auf'die Möglichkeit aufbaute, in der Lotterie das „große Los" zu gewinnen. Es hilft nichts: Gaben und Fleiß müssen auch vorhanden sein, und die Tatsache, daß man der Sohn eines ganz armen Mannes ist^ reicht allein -- obwohl viele Leute es heutzutage anzunehmen scheinen noch nicht aus, um die spätere Erreichung einer ordentlichen Professur oder einer Million an Vermögen ganz sicher zu verbürgen.