Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Article
- Die Berufswahl der jüdischen Jugend
- Date
- 1911-11-01
- Page
- 599 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316804-2316815-2345324--22013-2345381- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Berufswahl der jüdischen Jugend. 599 von Juden Analogieschlüsse gemacht und Antisemitismus dort als vorhanden angenommen, wo man noch gar nicht die Probe auf das Exempel gemacht hat. Daß er in allen höheren Laufbahnen eine traurige und verderbliche Rolle spielt, ist schon eine triviale Alltagswahrheit, über'die allgemeine Uebereinstimmung herrscht. Der Einwand der antisemitischen Verseuchung wird aber weniger hier erhoben als bei Gebieten, auf denen uns — um es glatt heraus zu sagen — die Erfahrungen nach dieser Richtung fast gänzlich fehlen. Von diesen erfordern zwei eine besondere Betrachtung, nämlich das des Handwerks und das der mittleren oder subalternen Be amt enlaus bahn. Und wenn bei den höheren Karrieren das Eindringen der Juden und die Erringung der Gleichberechtigung eine Frage der Ehre ist, bedeutet sie auf diesen Gebieten eine Frage der Selbsterhaltung und Gesundung , der jüdischen Gemeinschaft. Die Behauptung vieler, daß sie ihre Kinder — selbst wenn sie sich glänzend dazu eignen — wegen des übermäßigen Judenhasses dem Handwerk nicht zuführen könnten, gehört zu jenen, bei denen ehrwürdiges Alter sowie die Häufigkeit und Sicherheit ihres Auftretens durchaus nicht den Mangel an Richtigkeit zu ersetzen vermögen. Es ist wahr, daß die antisemitische Mittelstandsbewegung sich mit besonderer Aufdringlichkeit an das Handwerk heranschlängelt, es ist ebenso wahr, daß sich der Antisemitismus in manchen — freilich sehr unbedeutenden — Kreisen des Handwerks eine Kerntruppe geschaffen hat, die ihrer allgemeinen wirtschaftlichen Unzufriedenheit in grimmem Judenhasse Luft macht. Aber mit derselben Logik müßte man den jungen Juden dem Kaufmannsberuf fernhalten, weil der „Deutsch-nationale Handlungsgehilfenverband" auf der einen Seite und die stetig wachsende "Zahl von Geschäften, die nur christliches Personal einstellen, auf der anderen, dem Juden das Leben sauer machen. Fälle, in denen dem Juden bei der Suche nach einer Lehrstelle Schwierigkeiten entstehen, mögen Vorkommen. Es hat aber noch nie ein Jude auf das Erlernen eines Handwerks deshalb verzichten müssen, weil es ihm unmöglich war, als Lehrling ünterzukommen. Was sodann den späteren Lebenskampf des jüdischen Handwerksmeisters anbetrifft, so wird kein Unterschied zwischen seiner Lage und der des jüdischen