Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Article
- Die Berufswahl der jüdischen Jugend
- Date
- 1911-11-01
- Page
- 598 (sequence 6)
- Language
- German
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598 Im deutschen Reich. auch keinesfallsverkannt werden darf, daß die lange Gewohnheit eine gewisse Sonderbefähigung des Juden für den Handel erzielt hat, so ist es zunächst selbstverständlich, daß derartige erworbenen Fähigkeiten sich nicht bis ins Unendliche erhalten und vererben, besonders wenn die Ursachen ihrer Entstehung verschwunden sind. Dann aber hindert die vielen, die diese spezifische Eignung nicht besitzen, nicht das geringste, in anderen Berufen Erfolge und Zufriedenheit zu suchen und zu finden. Es kann keine Rede davon sein, daß der Jude durch die geschichtliche Entwicklung des Mittelalters, die Eignung zum Regierungssekretär und Lokomotivführer, zum Mechaniker und Schuhmacher, zürn Briefträger und Fabrikarbeiter verloren habe. Selbst der Hinderungsgrund, auf den der Antisemitismus mit großem Behagen stark übertreibend hinweist, daß dem Juden durch die Einsperrung in das dumpfe, lichtlose Ghetto die Befähigung zu Berufen, die schwerste körperliche Arbeit verlangen, geschwunden sei, kann nicht gelten; bei den Erziehungsgrundsätzen des Staates, die für alle Bürger gelten, verringert dieser Mangel sich rein mechanisch von Jahr zu Jahr immer mehr. . Bliebe noch als letzter der Hauptgrund, der stets und ständig vorgebracht wird, sobald man die mangelhafte Berufsverteilung beklagt: der A n ti s e mi tis m us! In dem erbitterten Judenhaß von heute, so versichert man allgemein und gern, sei der ausschließende Zwang des Mittelalters in neuer Form erstanden, der dem Juden in den meisten Berufen das Fortkommen einfach unmöglich mache. Freilich fällt dem aufmerksamen Beobachter hierbei schon von vornherein etwas ganz Merkwürdiges auf. Das widerstandslose Aufgeben des Kampfes, das Strecken der Waffen vor dem Antisemitismus, bemerkt man nur dort, wo es sich um Handwerk, mittlere Beamtenlaufbahn und ähnliche Berufe handelt. Geht es dagegen um höhere Karrieren, Offizierslaufbahn und Regierung usw, so ertönt ein anderes Lied. Dort muß der Antisemitismus bekämpft und ausgerottet werden. Und so zeigt schon dieser Widerspruch, daß hier vielleicht der Antisemitismus herhalten muß, um etwas anderes zu verdecken. Wie steht es nun in Wahrheit mit dem Judenhaß in den erwähnten Berufen? Daß er überall mehr oder weniger auftritt, kann als unbestreitbar gelten; aber es werden sehr häufig