Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Article
- Die Berufswahl der jüdischen Jugend
- Date
- 1911-11-01
- Page
- 596 (sequence 4)
- Language
- German
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596 Im heutigen Reich. diesem, dessen Gründe tiefer liegen, sich anregen und belehren zu lassen, ist klug und nützlich. Ausdrücklich muß auch betont werden, daß der Klage über die allzu große Zahl der jüdischen Akademiker nicht auf dem Wege Abhilfe geschafft werden kann, daß man durch Einschränkung der Unterstützungen das Studium mittelloser junger Menschen hindert, ein Vorschlag, von dem in letzter Zeit nicht selten die Rede gewesen ist. Mit diesem Gedanken darf man nicht einmal spielen! Es hieße unsere gesamte jüdische Vergangenheit verleugnen, wollten wir etwa die Bildung zum Vorrechte des großen Geldbeutels machen, und es muß nach wie vor, selbst wenn dadurch die Zahl der Studierenden noch steigen sollte, jüdische Ehrenpflicht sein, sich der wirklichen Begabung — aber nur dieser — gerade aus den ärmsten Schichten hilfreich anzunehmen, eine Forderung, die eigentlich völlig selbstverständlich ist, wenn man das Berussproblem auf die Formel gebracht hat: der rechte Mann an die rechte Stelle! Woher rührt nun unsere heutige bedenkliche Berufsverteilung? Man ist zunächst versucht, an irgendwelche im Wesen des Judentums liegende Quellen zu denken, die seinen Anhängern eine bestimmte Eignung verleihen und sie demgemäß zu manchen Berufen ziehen, von anderen dagegen fernhalten. Nun läßt sich, wenn man diesem Gedanken nachgeht, gewiß nicht leugnen, daß des Judentums bekannter Hang zu geistiger Beschäftigung seine Bekenner vorwiegend auf den Weg des Studiums lenkte, aber trotzdem will das für die Bcrufsverteilung nur wenig sagen. Denn diese Lernbegier, der das Wissen Selbstzweck war, die um der Erwerbung von Kenntnissen willen Armut und Entbehrung aller Art mit in den Kauf nahm, ist in Deutschland sicherlich nicht der Grund der Ueberfüllung der akademischen Berufe, und über einen allzu großen Andrang von Juden zu Gebieten, die angestrengtes geistiges Arbeiten, wissenschaftlichen Idealismus und entsagungsvolle Hingabe erfordern, dafür aber wenig einbringen, hat man bisher nicht sonderlich klagen können. Was nun auf der anderen Seite den Mangel an Eignung zu bestimmten Berufen betrifft, so zeigt eine nur geringe geschichtliche Erfahrung, daß von einer solchen gar keine Rede sein kann. Die historischen Erinnerungen beweisen, daß die