Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1911)
- Article
- Berlin
- Date
- 1911-10-01
- Page
- 568 (sequence 3)
- Language
- German
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568 Im bcutfdjcn Reich. Was ich darauf unternahm, war weder milde, noch von dem Gefühl diktiert, das man im gewöhnlichen Leben so heuchlerisch christliche Liebe nennt. Ich schrieb an den damals noch mächtigen Hofprediger. Dabei rief ich mir die Stunden zurück, die ich am Sterbelager meines Mannes verlebt hatte, als er die Verleumdung erfuhr. Und ich schonte den Mann nicht, der in seiner Stellung sich vielleicht für unfehlbarhielt. Nicht die geringste Milde ließ ich walten. Ich sagte ihm offen, daß ich sein Tun und Treiben für ein Unglück für die ganze Nation hielt, und wie er und seine Partei durch Verdächtigung und Verleumdung das Volk korrumpiere, da man ihn als Vertreter der christlichen Lehre ansehe und ihn: Glauben und Vertrauen entgegenbringe. D et ß i ch ihm als Christin und als Tochter eines e v a n g e l i s ch e n Pfarrers d i e s e V o r w ü r f e m a ch e n konnte, gewährte mir, ich gestehe es offen, eine besondere G e n u g t u u n g. Stolz schrieb ich ihm, daß es wohl in der Frauenbewegung keine Frau geben dürfte, die ihren wahren Namen verschweigen würde, um nicht als Jüdin zu gelten. Die Absicht aber, dadurch die Frauenbewegung zu diskreditieren, werde ihm nicht gelingen. An demselben Tage begab ich mich auf die Redaktion des Stöcker-Blattes. Der Jüngling im Bureau erklärte, daß die Herren Redakteure nicht zu sprechen seien. Ich ergriff trotzdem die Klinke der nächsten Tür, trat ein und fand dort ein Kollegium von drei bis vier Herren, anscheinend zu einer Beratung beisammen. Bei Nennung meines Namens stutzten sie, sagten, sie hätten schon durch den Herrn Hofprediger den Irrtum erfahren und würden die Notiz loiverrufen. Ich erklärte ihnen, daß mein Kommen sich nicht darauf allein bezöge, sondern ich wünschte den Herrn zu sprechen, der diese Notiz erfunden habe. Er sei nicht anwesend. Das glaubte ich natürlich nicht. Ob ich sonst noch etwas wünsche, außer der Richtigstellung der Notiz. S elb stv e r st ä n dlich! Und nun stellte ich Fragerl wie: Ob die Herren die Gebote Mose anerkennten? Also jüdisches Gesetz. Ob sie in der Schule auch das Alte Testament den Kindern darböten? Also jüdische Geschichte.