Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1911)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1911-06-01
- Page
- 339 (sequence 8)
- Language
- German
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Umschau. unbegreiflich erscheint die Forderung, daß Eltern ihre Söhne, wenn sie ein bestimmtes Alter erreicht haben, ins Ausland schicken sollten." — In Schönherrs „Glaube und Heimat" erreicht das Trauerspiel seinen Gipfel in dem Augenblick, in dem einem Vater zugemutet wird, wegen seines Glaubens selbst heimatlos zu werden, aber in der Heimat seinen minderjährigen Sohn zurückzulassen. Nicht minder tragisch ist doch das Los der ausländischen Juden in Ostpreußen, denen dort den Aufenthalt nur gestattet wird, wenn sie sich verpflichten, ihre Söhne mit vollendetem neunten Lebensjahre wieder ins Ausland zu senden. Der Deutsche Kaiser mar tief ergriffen, als in der Tragödie Schönherrs der väterliche Schmerz eines Christen zur Darstellung gelangte; die nicht minder traurigen Folgen der ostpreußischen Verordnung für viele jüdischen Väter werden kaum in ihrer ganzen Schwere zu seiner Kenntnis gebracht werden. Die agrarischen Hintermänner der „Deutschen Tageszeitung," die sich beeilt hat, aus den großen Unterschied zwischen den Gefühlen eines Tiroler Bauern und den der in Ostpreußen „nicht heimatsberechtigten" russischen Juden hinzuweisen, werden schon dafür sorgen, den angeblichen Nutzen zu schildern, den Preußen davon haben soll, wenn der jüdische Nachwuchs dem Sande ferngehalten wird. Die christlichen Industriellen in Ostpreußen, die der Sache doch näher stehen und einer ganz entgegengesetzten Meinung sind, werden leider nicht gehört. Die beste Festigung der Monarchie ist der Ausbau des Kultur- und Rechtsstaats ohne Rücksicht aus das Murren privilegierter Kasten und der antisemitischen Demagogen in monarchischer Vermummung. Von nichtjüdischer Seite stammt der Ausspruch: „Das Heil kommt von den Juden," wir aber sagen aus tiefster Ueberzeugung, und man kann es nicht früh genug als richtig erkennen: „A l l e s Unheil — auch für die Monarchie — kommt von den Antisemiten!" Diese j)serröo-j)aLrioLen verhehlen ja gar nicht, daß sie mit dem Kaiser unzufrieden sind; die „Deutsch-Sozialen Blätter" Liebermanns haben ihm „Mangel an deutschem Fühlen" vorgeworsen, weil er zuweilen mit Juden verkehrt und einige wenige unter ihnen