Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1911)
- Article
- Eine antisemitische Anrempelung im anhaltlichen Landtage
- Date
- 1911-06-01
- Page
- 329 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316804-2316811-2344801--21604-2344863- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Eine antisemitische Anremplung im anhalt. Landtage. 329 und Bankerotteure an der Tagesordnung, so müsse ihm entgegengehalten werden, daß es gerade Herren von seinem Schlage gewesen seien, die die Juden jahrhundertelang von jedem ehrlichen Gewerbe zurückgehalten, sie auf die Bahn des Lasters verwiesen und zur Gewinnung des Lebensunterhaltes auf das privilegium odiosum des Wucherzinses beschränkt hätten. Wenn jetzt andererseits die Juden vielfach aus dem Lande ihr Brot zu verdienen suchen, so erwachsen ihnen wiederum überall von Genossen des Abgeordneten v. Trotha Schwierigkeiten. „Das ist Ihre Schuld, Herr v. Trotha, und die Ihrer Genossen, und derselbe Herr v. Trotha wagt -es, den Juden die Schuld aufzubürden an den Bankerotten. Wie war es mit dem Bankkrach in Kassel und bei der Leipziger Bank? Dort war kein Jude beteiligt. Man weiß auch, daß die jüdischen Körperschaften sich gegen den Mädchenhandel erklärt haben. Woher kommen denn die jüdischen Mädchenhändler? Sie kommen aus Rußland, also aus dem Lande, wo die Juden nach dem Rezepte des Herrn v. Trotha gezwungen werden, sich nicht als Menschen zu betrachten. Das ist nicht billig, erst die Leute dazu zu zwingen, so zu handeln, und ihnen nachher ihre Handlungsweise vorzuwerfen. Schön und christlich ist das nicht, Herr v. Trotha!" Ebenso könne man mit demselben Rechte allen Adligen die Spielerprozesse und die Kriegsgerichte von 1806 Vorhalten, in denen sich die Schuld der preußischen Adligen erwiesen habe. Das sei aber billige Weisheit, von derlei Einzelereignissen auf eine ganze Schicht zu schließen. Die deutschen Juden in ihrer Gesamtheit seien jedenfalls gute treue Staatsbürger und über die Angriffe des Herrn w Trotha weit erhaben. Der Abgeordnete Artckl, ebenfalls von der Fortschrittlichen Volks Partei, führte aus, es würde nicht genügen, wenn den ungeheuerlichen Ausführungen des Abg. v. Trotha nur von einer Seite entgegengetreten würde, die dazu noch selbst beteiligt sei. Redner wendet sich mit scharfen Worten auch von seinem Standpunkt aus gegen den Abg. v. Trotha. Möge dieser zunächst doch einmal Nathan den Weisen studieren. Wenn er bisher den Abg. v. Trotha immer für einen geschmackvollen Parlamentarier gehalten habe, so sehe er heute ein, daß er sieh getäuscht habe.