Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 4 (April 1911)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1911-04-01
- Page
- 215 (sequence 10)
- Language
- German
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Umschau. 215 Klienten von Agrariern und Antisemiten niemals die Bürger und die Bauern zu ihrem Rechte kommen können. Wenn trotzdem das Wahlergebnis inr Ameise Gietzen-Grünberg-Aiööa so bedauerlich ausgefallen ist und einem rabiaten Antisemiten die Pforten des Reichstags geöffnet hat, so erschien uns dieser Wahlausgang auf Grund näherer Kenntnis der Verhältnisse gar nicht so wunderbar. Es ist hier nicht der Ort, politische Parteien auzuklageu, und geschehene Unterlassungssünden zu besprechen. So viel kann jedoch gesagt werden, daß das deutsche Judentum ein wesentliches Jnrerejse daran hätte, durch größere Opserwilligkeit auf der einen und stärkere Borsicht auf der anderen Seite seine Rechte besser zu wahren als es bisher geschehen ist. Wer wirklich die Garantie haben will, daß mit dem von ihm zu Wahlzwecken gegebenen Gelbe auch der richtige- Gebrauch gemacht wird, d. h. daß der Antisemitismus in wirksamer Weise bekämpft wird, stelle in erster Linie der von uns -nid dem Abwehr-Verein gemeinsam gebildeten Kommission Geldmittel zur Verfügung. Man hätte zweifellos. auch in Gießen-Grünberg-Nidda ein günstigeres Wahlresultat erzielen können, wenn die finanziellen Kräfte nicht zersplittert, sondern gesammelt worden wären. Und doch ist das Wahlresultat in Gießen von uns nach einer Seite hin zu begrüßen. Es hat viel Lässige ausgerüttelt und hat denen, die schon glaubten, die nächste Reichstagswahl in günstigem Sinne in der Tasche zu haben, einen Wink gegeben, daß man mit einer optimistischen Auffassung allein nichts erreichen kann, sondern daß es Pflicht jedes Einzelnen ist, den Wahlkampf persöulicb und finanziell in einer den Interessen des deutschen Judentums entsprechenden Weise vorbereiten zu helfen. Oie Erfahrungen, die in Gießen gernacht wurden, gehen dahin, daß der Antisemitismus wieder in seiner niedrigsten Tonart ausgetreten ist. Das mag daher rühren, daß infolge der letzten Wahlniederlagen die maßgebenden antisemitischen Führer glauben, ihre Sache nur noch durch möglichste Hetze retten zu können. Deshalb beginnen sie wieder unverblümt an die rohesten Pöbelinstinkte zu appellieren, von dem Reichtum der Juden zu faseln, um Haß und Neid zu erwecken und die Unbe-