Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Article
- Eine Stöcker-Biographie
- Date
- 1911-02-01
- Page
- 68 (sequence 3)
- Language
- German
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68 Im deutschen Reich. Norddeutsche Allgemeine Zeitung, die Post, die Hamburger Nachrichten. Mit der Wahrheit nimmt es eben der „fromme" Autor nicht genauer als fein Held Stöcker. Er behauptet, alle Witzblätter seien jüdisch beeinflußt (I, 400), während notorisch alle — mit Ausnahme des „Ulk" — seit 20 Jahren nur christliche Redakteure haben. Auch den Pariser „Figaro" nennt er „jüdisch beeinflußt" (I, 417). Und doch ist dieses Boulevardblatt klerikal und nationalistisch und hat stets den Juden etwas am Zeuge 51t flicken. Aus einem halbverrückten Konvertiten, der früher einmal ein Rabbinerseminar besucht hat, macht Dertzen beharrlich einen „Rabbinatskandidaten" (I, 262 s.), um ihn als Kronzeugen gegen die Juden verwenden zu können. Er spricht die ungeheuerliche Unwahrheit aus (II, 257), daß „die überwiegende Mehrheit der Lokale aller Art, welche der Kuppelei in ihren mannigfachen Formen dienen, in slidischen Händen" seien. Er hat die Keckheit zu behaupten: „Die Welt der Börse ist eine Welt des Betrugs" (I, 312). Und so fort. Der strenge Wahrheitssreund ist dabei recht schlecht ^unterrichtet: so macht er Frau. Emilie Masse zur „Schwägerin" des Verlegers des Berliner Tageblatts. Echt jesuitisch und unwahr ist vollends die Argumentation, mit der Oertzen die gewagtesten Schritte Stöckers, z. B. dessen berüchtigten „Scheiterhausenbrief", zu beschönigen sucht — indem er aus schwarz weiß macht (I 393 f.). Mit welchen 'Schimpfreden würde er die Urheber solcher Kniffeleien über. Hansen, meint „Inden oder Judenknechte", d. h. politisch oder kirchlich Liberale sie anwendeten! Es wäre unnötig, weitere Proben von denn Juden haste dieses „frommen" und „unbefangenen" Autors anznsnhren, der sich wahrlich iu nichts die milde und echt jüdische Gesinnung des Jesus von Nazareth zum Muster genommen Hai. Und doch gehen aus Oertzens Buche nur zu deutlich die Tatsachen hervor, die schließlich Stöckers Stellung, trotz aller anfänglichen Begünstigung von hoher und höchster Seite her, untergraben mußten: seine unbegrenzte Anmaßung oder wie Oertzen sich ausdrückt (II, 297), seine „naive Tendenz, überall den Mittelpunkt abzugeben, in Gesellschaft nur selbst zu reden und sonst niemandem das Wort zu lassen", seine Heuchelei, die iinmer milde von den Juden zu reden vorgab und