Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 3 (März 1911)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1911-03-01
- Page
- 130 (sequence 2)
- Language
- German
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130 Im deutschen Reich. von dem Religionswechsel, also nur allzu häufig von einer Charakterlosigkeit, abhängig zu machen, har man sich in Deutschland nur in äußerst seltenen Fällen aufraffen-können. Der Vorwurf trifft nicht nur die Staatsleitungen, sondern auch die meisten politischen Parteien, mit Ausnahme der sozialdemokratischen Partei. Sie hat zu ihrem eigenen Vorteile die Fähigkeiten und Eigenschaften von Männern, die, wie Lassalte und Singer, den Arbeitern zu nützen bestrebt waren, ohne ihre eigene religiöse Ueberzeugung zu verleugnen, voll gewürdigt. Bedauerlicher Weise ist selbst bei trefflichen Politikern freiheitlicher Gesinnung zuweilen der Drang, jüdische Intelligenzen für das gesamte Volk nutzbar zu machen, mit dem Wunsche verblenden worden, die Betreffenden möchten dies durch einen Bekenntniswechsel ohne Ueberzeugung erleichtern. Wenn Männer von der Bedeutung Mommsens und Köhlers solchen Wünschen Ausdruck verliehen haben, dann möchte man mit Lessing sagen: „Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten!" Deutsche Staatsbürger jüdischer Abstammung, die dem öffentlichen Leben in Deutschland zum Nutzen und zur Zierde gereichen sollen, sind um den Preis ihrer Mannesehre, ihres Familiensinnes und ihrer religiösen Ueberzeugung nicht zu haben. Wer u n s h a b e n w i l l, in u ß u n s ne h m e n w i e w i r sind; er wird es nicht zu bereuen haben! Eine jüdische Anhängerschaft, die die Assimilierung bis zur Taufe treiben würde, fände jetzt sogar bei den Konservativen Unterkunft. Bon diesen haben sich vete schon früher durch zahlreiche Heiraten armer Edelleute mit reichen getauften Jüdinnen von dem Rassenantisemitismus befreit, auch nicht nur von jüdischem Gelbe, sondern auch von jüdischer geistiger Begabung gern Nutzen gezogen. Man braucht sich dabei nur an Bischof Reander, an den Geheimrat Stahl und an andere Größen zu erinnern, denen die konservative Partei Dank schuldet. Aber auch in der Gegenwart wird der Wunsch nach solchen Helfern semitischer Rasse oft rege, selbst dort, wo man noch krampfhaft an dem antisemitischen Tivoli-Programm festhält — in der „K r euz - Zeit u n g". Dieses konservative Blatt, das im September 1910 geäußert hatte, daß sich in dem erwähnten Programm der antisemitische Passus nicht mehr rechtfertigen lasse, hat bald darauf unter dem Druck der agra-