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Im deutschen Reich · 1910-12-01 · Heft 12 (Dezember 1910) · p. 799

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
16 (1910)
Issue
Heft 12 (Dezember 1910)
Article
Der Prozeß gegen die "Wahrheit"
Date
1910-12-01
Page
799 (sequence 6)
Language
German
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Der Prozeß gegen die „Wahrheit". 799 machen, ist gewiß ein sehr unglückliches Manöver. Bei uns hat Bruhn natürlich viel auf dem Kerbholz von den Zeiten her, da er die „Staatsbürger-Zeitung" leitete, wochenlang in Könitz verweilte, um die Massen gegen die Juden aufzureizen und dabei für sein Organ geschäftlichen Nutzen zu ziehen, unbekümmert um die traurigen Folgen, die sein Treiben für die Juden in der Provinz Westpreußen und auch für die Stadt Könitz haben mußte. Aber feine spätere Tätigkeit als Herausgeber der „Wahrheit" konnte uns doch nur wenig interessieren, weil er sich dabei mit der Judenfrage nur noch nebenher beschäftigte, sogar den Umgang mit Juden suchte, wo dieser ihm Vorteile versprach, und leider mitunter solchen auch fand. Sein Verhalten konnte nur die kompromittieren, die ihn trotzdem als politischen Gesinnungsgenossen lange gelten ließen und ihm sogar zu einem Reichstagsmandat verhalsen, ohne an seiner am 11. Oktober 1902 erfolgten Verurteilung wegen Beleidigung der Konitzer Behörden und dortigen Bürger zu sechs Monaten Gefängnis Anstoß zu nehmen. Auch im Jahre 1902 hatte ihm ein Staatsanwalt ein Zeugnis ausgestellt, das nicht nur auf den Charakter Bruhns ein grelles Licht warf, sondern auch ziemlich deutlich zeigte, daß dieser sich zum Herausgeber eines Blattes von dem Genre der „Wahrheit" entwickeln konnte oder — mußte. Der damalige Staatsanwalt Kanzow sagte dabei u. a. folgendes: „Das Beste, was d e r M e n s ch von Vater u n d Mutter m i t b e - k o m m eit k a n n , was er als sein höchstes Gut betrachtet, ist der gute Name. Daher kann jeder, welchen Glaubens er a u ch sei, verlangen, daß dieses sein höchstes Gut geschützt w e r d e. In diesem Prozeß spielt die Phantasie eine große Rolle. Aber so wertvoll sie ist, so bedarf sie des Zügels und Zaumes, und wenn hier eine zügellose Phantasie dahinstürmt und, von einer gewissenlosen Presse noch geschürt, kritiklos weiterer Kreise sich bemächtigt, so entsteht dadurch eine große Gefahr. In diesem Prozeß hat die wüste Phantasie in unheimlicher Weise wüste Orgien g e f e i e r t; man konnte sich beinahe in die Zeit der Hexeritz rozesse versetzt wähnen: Wir haben gehört, daß in ganz Westpreußen zu jener Zeit eigentlich kein Jude unverdächtig

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