Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1910-10-01 · Heft 10 (Oktober 1910) · p. 666

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
16 (1910)
Issue
Heft 10 (Oktober 1910)
Article
Antisemitismus in der Sommerfrische
Date
1910-10-01
Page
666 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2316602-2316791-2316801-2343791--20788-2343858
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

kommen ift, wenn er nur bar Gew nlitbriugt. Es ist mir immer noch ein Rätsel, wie alle diese Leute sich so von den Antisemiten unterkriegen lassen konnten, daß sie zahlungsfähige und gebelustige Juden von sich fernhalten, um dafür die großmäulige antisemitische Gesellschaft einzutauschen, die wohl große Ansprüche erhebt, aber nicht dementsprechend zahlen möchte. Grade darüber habe ich oft genug klagen hören. Es ist in der Tat eine Vergewaltigung, der sich sonst recht gescheite und im Nehmen sonst durchaus nicht blöde Leute unterworfen haben. Und wer sind die Elemente des Zwanges und der Vergewaltigung? Wie ich oben bereits erwähnte, wahrlich nicht das werktätige Bürgertum und die Leute mit vollen Taschen. Auch nidji so sehr das höhere Beamtentum und die Gebildeten. Vielmehr das mittlere und ganz kleine Beamtentum, diese sind es, welche die antisemitischen Kurorte geschaffen haben. Man sehe sich nur einmal die Kurlisten an, überall der Herr Gerichtssekretür, der Herr Steuerkontrolleur, der Herr Kanzleirat, der Herr Assistent usw. Natürlich auch die Rätin und Geheimrätin usw. Dazwischen gesprenkelt leider auch Volksschullehrer und höhere Lehrer, und besonders stark vertreten' die Geistlichkeit, hauptsächlich die protestantische. Bei der katholischen Geistlichkeit habe ich den Geist der Abschließung und Ueberhebung fast niemals, im Gegenteil manch trefflichen Plauderer und guten Reisekameraden unter ihnengefunden. Ein katholischer Pfarrer, den ich in Harzburg antraf, war rein außer sich vor Freude, als er in mir einen alten Schulkameraden entdeckte, und ließ es sich nicht nehmen, uns in seiner Wohnung aus das Herrlichste zu bewirten. Also wie gesagt, die eigentlichen treibenden Kräfte des antisemitischen Unfugs sind, wie sie einmal ein süddeutscher Professor so hübsch charakterisierte, „die Papachen- und Mamachenexistenzen treu, deutsch und pensionsberechtigt". Warum gerade diese? Weil gerade sie vom Neid besessen sind gegen alle diejenigen, die im Besitze der ba^it nötigen Mittel sich mehr und Besseres leisten können, als die, die zwar recht hübsche Titel, aber nur wenige Mittel besitzen. Das soll beileibe keine Verhöhnung sein eines sonst recht ehrenhaften Standes. Ich habe volles Verständnis und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.