Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Article
- Antisemitismus in der Sommerfrische
- Date
- 1910-10-01
- Page
- 664 (sequence 4)
- Language
- German
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664 Im beutj"djen Reich. angebundene Bayer, wie der im Geruch des Antisemitismus stehende Sachse. Nur einer Lut's nicht, das ist der Berliner. Im allgemeinen habe ich überall gefunden, daß das eigentliche Bürgertum in der Fremde dem Juden gegenüber sich durchaus frei und vorurteilslos gibt. Wer eigentlich diejenigen sind, die in der Fremde den Judenhaß pflegen und betätigen, werden wir später sehen, lieber die sogenannten „Oberen Zehntausend" möchte ich mir kein allgemeines Urteil erlauben. Doch weiß ich, daß ein leibhaftiger Oberpräsident mit seinem Stabe sich von einem jüdischen Kommerzienrat einladen ließ, und das Essen, „koscher" übrigens, hat weder seinem Leibe noch seiner Seele geschadet. Einen thüringischen Oberhosprediger und Generalsuperintendenten sah ich Arm in Arm auf öffentlicher Promenade mit einem jüdischen Herrn, von dem ich wußte, daß er durchaus nicht zu den Oberen Zehntausend gehört. Manche mögen ja wohl ihre religiösen und sonstigen Vorurteile haben. Am Orte ihrer Erholung aber — so ist es mir wenigstens immer vorgekommen — sind sie froh, all' den lästigen und beschwerlichen Kram von sich werfen zu können, Mensch unter. Menschen zu sein, und ohne Rücksicht aus Nam' und Art gemütlich und freundlich mit denen zu verkehren, die ihnen zusagen. Einige kleine Erlebnisse habe ich allerdings auch zu verzeichnen, die mir aber, offen gestanden, mehr Spaß als Unwillen bereitet haben. Auf einer Fußtour von Harzburg nach dem Brocken gesellte sich zu uns ein älteres Ehepaar aus Hannover nebst erwachsenen Töchtern und Schwiegersöhnen, allesamt prächtige Leute, die lebten und leben ließen. Bald darauf stieß zu uns ein weiteres Ehepaar, Mann, Frau und ein etwa 15 jähriger Gymnasiast. Letzterer ein reizender Junge, die Mutter eine harmlose Schwätzerin, der Mann bei aller Höflichkeit doch so reserviert und stocksteif, daß man ohne viele Mühe in ihm den Typus einer gewissen preußischen Subalternbeamtenklasse entdecken konnte, der es Ueberwindung kostet, mit der misera eontriduens chods sich gemein zu machen. Auffällig war mir nur, wie alle drei es darauf angelegt zu haben schienen, hinter meine Verhältnisse zu kommen. Ich halte es nämlich auf Reisen durchaus nicht für unbedingt notwendig, jeder zufällig gemachten Bekannt-