Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Article
- Antisemitismus in der Sommerfrische
- Date
- 1910-10-01
- Page
- 663 (sequence 3)
- Language
- German
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AntisemitcsmuS in der Sommersris-de. (>&'> nicht, wohl aber an den Güsten. Und da sitzt der echeuUiche Kern und Urgrund des Nebels. Um aber noch einen Punkt zu berühren, den die Antisemiten zur Erklärung und Beschönigung ihres Tuns gerne airzuführen pflegen: Die Juden in den Badeorten machen es durch ihr Benehmen, durch Arroganz, zur Schau getragenem Luxus usw. den bescheidenen, liebenswürdigen, weniger bemittelten Christen unmöglich, mit den Juden ein und dieselbe Luft zu atmen. Und durch ihren Hang, überall das Schönste und Beste zu beanspruchen, verteuern sie den Ort und treiben so den weniger mit Glücks gütern Gesegneten hinaus. Das letztere ist einfach Schwindel. Ich selber gleich vielen anderen gehöre durchaus nicht zu den Millionären, habe aber stets selbst an Plätzen, die nicht im Rufe der Billigkeit stehen, ineinen Verhältnissen entsprechend leben können; bemerken muß ich dabei, daß ich als rituell lebender Jude dabei nach für des Leibes Nahrung mehr auszugeben gezwungen bin als der Christ und der Jude, der überall speist und daher billiger lebt. Hier liegt nichts weiter vor als die eigeut- -liche, uralte Wurzel des Antisemitismus, der Neid gegen alle diejenigen, die mehr «auszug-eben und zu verzehren haben. Protzentnm in allen Sorten und Größen findet mau gewiß auch bei Juden. Aber jeder, der diese Dinge aus Erfahrung kennt, weiß auch, daß alle anständigen Juden — und das sind Gott sei Dank noch immer die meisten — diese Elemente geradeso fernhalten und verabscheuen wie anständige Christen. Auch unter Christen gibt es wahrlich solche, die einem jede Gegend und jeden Genuß gründlich verleiden können. Namentlich gewisse Berliner Kreise sind darin groß. Man muß das gesehen haben, dieses Dicktun, dieses ewige Schelten, Tadeln, Nörgeln, dieses beständige Zanken mit Wirten und Kellnern u. dergl. mehr. Ich weiß sehr wohl, daß der Berliner Charakter auch sehr ehrenwerte Eigenschaften aufzuweisen hat. In der Fremde uuh andern gegenüber kehrt er nicht selten unangenehme Seiten heraus. Oft habe ich die Erfahrung gemacht: wenn man in ein stark besetztes Lokal kommt, so rücken die Anwesenden zusammen, um neuen Ankömmlingen eine Sitzgelegenheit zu schaffen. Das tut der gemütliche Thüringer so gut wie der als steif und zurückhaltend verschrieene Norddeutsche, der kurz