Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Article
- Antisemitismus in der Sommerfrische
- Date
- 1910-10-01
- Page
- 662 (sequence 2)
- Language
- German
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662 Im öeu tjdjcu Oi ei fl)- solche Personen handeln, die da meinen, man sähe und merke ihnen den Juden nicht an, oder ihre inneren Vorzüge seien so groß, daß auch der eingefleischteste Judenfresser nicht anders als respektvoll sich ihnen nahen werde. Keinemvon ihnen bleibt die bittere Erfahrung erspart, daß der Antisemitismus keinen Unterschied macht zwischen Juden und Juden, auch wenn sie noch so sehr ihr Judentum zu verstecken sich bemühen, Name und Aussehen noch so unverfänglich, Auftreten und Haltung noch so bescheiden. und zurückhaltend sind. Wenn diesen Leuten auf solche Art ihr Judentum wieder einmal ins Gedächtnis gerufen wird, so braucht man sie nicht zu bedauern. Wer trägt die Schuld an diesen Zuständen? Sind's die Juden oder die Christen, die Eingeborenen oder die Fremden? Der Nichtjude, und sei er selbst der wurzelechteste Antisemit, ist doch sonst im allgemeinen durchaus nicht prüde in bezug auf das Geld der Juden. Warum also wollen die Herren Vermieter in jenen Ortschaften, die Hoteliers, Wirte usw. keine jüdischen Gäste bei sich dulden? Sollte wirklich der Judenhaß bei ihnen stärker sein als die angeborene- und anerzogene Liebe zum schnöden Mammon? In manchen Fällen mag's zutresfen, aber wie die Erfahrung lehrt, durchaus nicht überall und bei allen. Als vor einigen Jahren im ersten Hannoverschen Reichstagswahlkreise, zu welchem auch die Insel Borkum gehört, Borkum, dieser süchtige, keusche, judenreine antisemitische Ort, Ersatzwahl stattfand, da stimmte nur ein kleiner Teil der Borkumer für den Antisemiten, der weitaus größte Teil jedoch für den Freisinnigen. Hier kann es also sicher nicht die antisemitische Gesinnung gewesen sein, die seit Jahren die grüne Insel zum Tummelplatz des wüstesten Rassen- und Radauantisemitismus gemacht hat. Wer daran die Schuld trägt, davon später. Es ist selbstverständlich, daß Gastwirte und Privatvermieter, Kaufleute und Handwerker, Kellner und Dienstmädchen gern verdienen. Wer ihnen dazu verhilst, der ist ihr Mann. Da fragen sie nicht, ob Judh ob Christ, da nimmt man auch gern ein bißchen Protzentum mit in den Kauf. Wer seine Wochenrechnung, pünktlich und ohne zu mäkeln und zu kritteln, bezahlt, dem wünschen sie beim Abschiednehmen des Himmels besten Segen auf sein Haupt. An den Wirten liegt es also